Die Wiedergeburt der Hunweibins – diesmal mit WLAN, VPN und Staatsauftrag
Im Sommer 2022 schrieb jemand, dass in Russland bald Hunweibins auftauchen würden. Viele lachten. „Verschwörung“, „Spinnerei“, „der Typ hat doch komplett den Verstand verloren“.
2025 lacht keiner mehr.
Denn jetzt gibt es sie wirklich: eine neue Generation von kleinen, wütenden, gut erzogenen Blockwarten – online wie offline. Sie tragen Schuluniform, posten in patriotischen Telegram-Gruppen und haben ein klares Feindbild: Dich.
Zensur als Fernsehformat
In Russland braucht sich die Zensur nicht mehr zu verstecken. Sie lächelt. Sie ist Entertainerin.
„Заблокировано – и точка!“ (auf Deutsch: „Gesperrt – Punkt!“) heißt eine neue Gameshow im Staatsfernsehen, in der aufgelistet wird, wie viele Gedanken entfernt, wie viele Worte gelöscht, wie viele Menschen aus der Öffentlichkeit getilgt wurden.
Kein Witz:
55.800 Beiträge – gelöscht.
1.700 angebliche „Fakes“ über den Krieg.
4.700 Erwähnungen von LGBT – weg.
1.400 Mal der Verdacht auf „Extremismus“.
Das ist keine Statistik. Das ist ein Vernichtungsprotokoll.
Und es ist erst der Anfang. Denn der Kreml schickt jetzt ein digitales Schwein ins Netz: „Wepř“ heißt das neue Zensurprogramm. 60 Millionen Rubel teuer. Es soll automatisch alles aufspüren, was vom ideologischen Kurs abweicht. Kritik, Zweifel, Humor – rausfiltern, markieren, eliminieren.
Und wenn der Algorithmus mal versagt, springt Plan B ein: Kinder.
Hunweibin 2.0 – die Geburt des digitalen Blockwarts
Ein kurzer Blick zurück:
1966, Peking. Mao Zedong ruft zur „Kulturrevolution“ auf. Jugendliche – die sogenannten Hunweibins – sollen Lehrer, Intellektuelle, Beamte entlarven und „entbürgerlichen“. Eine 17-Jährige veröffentlicht einen Aufruf, „verräterische Lehrer in Salat zu schneiden“. Noch am selben Tag wird eine Schuldirektorin zu Tode geprügelt – vor den Augen ihrer Schüler. Zwei Wochen später bindet Mao ihr persönlich eine rote Armbinde um. Das Morden wird Staatsdoktrin.
In einem Monat werden in Peking 1.722 Menschen von Jugendlichen getötet. 85.000 aus der Stadt vertrieben. Niemand greift ein. Die Polizei hat Befehl, auf Seite der Hunweibins zu stehen.
Heute wiederholt sich das.
Nur in besserer Auflösung.
Und mit WLAN.
Der neue Henker: 14 Jahre alt, beleidigt, loyal
Der neue Exekutor braucht keinen Knüppel. Er hat ein Tablet. Einen TikTok-Account. Einen Groll.
Er erinnert sich, dass du ihm mal das Handy im Unterricht abgenommen hast.
Oder dass du 2014 den falschen Post geliked hast.
Oder dass du nicht schnell genug „für den Sieg“ kommentiert hast.
Er ist Pavlik Morozov mit VPN.
Statt mit Parolen arbeitet er mit Screenshots.
Statt zur Polizei geht er in patriotische Chatgruppen.
Und er weiß, wohin er schicken muss, was du irgendwann gesagt, gelikt, gepostet hast. Es gibt nämlich Kanäle. Und eine Anlaufstelle. Und Zustimmung von ganz oben.
Stolz denunzieren – für Likes, für Punkte, fürs Vaterland
In Russland gibt’s jetzt „Bildungsoffensiven“, in denen Teenager lernen, wie man Verräter erkennt. Nennt sich „Junarmee“ oder „Patriotenklub“. Inhalt: Wie man staatsfeindliche Aktivitäten meldet. Wie man Mitschüler mit „falscher Gesinnung“ dokumentiert. Wie man ideologisch richtig durch TikTok scrollt.
Und sie lernen schnell.
Die Screenshot-Kultur hat eine neue Funktion: Denunziation.
TikTok ersetzt das Tribunal.
Das Urteil fällt der Algorithmus.
Und vollstreckt wird mit dem Schulbus zum Lager.
Gerichte? Gibt’s nicht.
Verteidigung? Überflüssig.
Widerspruch? Zersetzung.
Die Zukunft Russlands ist ein Schulkind mit Screenshot-Ordner
Diese Kinder lesen keine Verfassung.
Sie lesen deine Likes.
Sie stellen keine Fragen.
Sie sammeln Beweise.
Und du denkst vielleicht, du hast nichts zu befürchten. Weil du nichts gepostet hast.
Falsch. Die Schlange ist nur lang. Du bist einfach noch nicht dran.
Noch hat niemand dein Like von 2013 ausgegraben. Noch.
Aber sie kommen. Mit Schuluniform, Tablet – und Auftrag.
Der digitale Gulag braucht keine Mauern
Der neue Strafvollzug funktioniert wie ein Social-Media-Feed.
Zuerst kommt der Kommentar.
Dann der Screenshot.
Dann der Post, der zeigt, wie du abgeführt wirst.
Dazu ein Lied von einer regierungstreuen Band. Und hundert Likes.
Dein Nachbar hat dich gemeldet, weil du einen Sänger gepostet hast, der angeblich schwul ist?
Dein Neffe hat deinen alten Witz über Putin entdeckt?
Deine Tochter will ihren Patriotismus unter Beweis stellen?
Willkommen im digitalen Sandomoroch.
Mit Schuluniform.
Mit Likes.
Mit Haftbefehl.
Epilog
Sieh dir deine Kinder genau an, Russland.
Nicht weil du sie liebst. Sondern weil sie deine Richter sind.
Sie werden bald stolz Videos drehen, in denen sie erzählen, wie sie dich überführt haben.
Wie du als „Volksfeind“ verschwandst, weil du das falsche Lied gehört oder die falsche Miene gezogen hast.
Sie werden feiern, wenn du gehst.
Und der Staat wird ihnen dafür danken.
Denn der braucht keine Technik, um Feinde zu finden.
Der braucht nur euch – und eure Kinder.
Herzlichen Glückwunsch.
Ihr habt euch selbst ausgeliefert.
Und nennt es Erziehung.