Am Rand der UN-Generalversammlung in New York lief ein Reporter des russischen Staatsfernsehens Wolodymyr Selenskyj hinterher und fragte immer wieder dasselbe: Wann kommen Sie nach Moskau? Irgendwann antwortete der Präsident hörbar genervt und mit einem russischen Fluch: auf einer Rakete. Der Reporter stellte das Video anschließend selbst auf seinen Telegram-Kanal, offenbar als Beleg für die Unhöflichkeit des Ukrainers.
Seit dem Sommer 2025 besteht der Kreml darauf, dass Putin und Selenskyj sich nur in Moskau treffen können. Für die Sicherheit des Gastes werde gesorgt. Solche Einladungen hat Moskau in seiner Geschichte oft ausgesprochen, und für viele Gäste endete die Reise im Kerker oder im Grab.
Die älteste Vorlage stammt aus der Goldenen Horde. Wer im 14. Jahrhundert Großfürst werden wollte, reiste dorthin, zahlte und bekam den Herrschaftsbrief oder eben nicht. Michail von Twer machte sich 1318 auf diesen Weg, obwohl er ahnte, was ihn erwartete. Blieb er zu Hause, drohte seinem Land ein Strafzug. In der Horde wartete schon Juri von Moskau. Er hatte die Schwester des Khans geheiratet und den Tataren mehr Tribut versprochen. Einen Monat lang musste Michail einen Holzblock um den Hals tragen, dann stürmten die Mörder sein Zelt. Ein Mann namens Romanez schnitt ihm das Herz aus der Brust. Ein Mann aus seinem Gefolge hat es aufgeschrieben. Die Leiche gab Moskau erst heraus, als Twer sich auf einen Frieden eingelassen hatte. Von da an galt in Moskau, was man in der Horde gesehen hatte: Wer zum Stärkeren reisen muss, kommt als Bittsteller, und was ihm dort geschieht, entscheidet der Gastgeber.
Später kam zu diesem Verfahren die Garantie dazu. 1368 luden Großfürst Dmitri und Metropolit Alexius den Twerer Fürsten Michail Alexandrowitsch nach Moskau ein, zu einem Schiedsverfahren. Der Metropolit bürgte persönlich für seine Sicherheit. Nach dem Urteil wurden der Fürst und seine Bojaren festgenommen. Frei kam er erst, als Gesandte der Horde in der Stadt auftauchten. 1523 erhielt Wassili Schemjatschitsch von Nowgorod-Sewerski Schutzbriefe vom Großfürsten und vom Metropoliten Daniil, der bei seiner Seele und den heiligen Ikonen schwor. Schemjatschitsch kam, wurde verhaftet und starb 1529 im Kerker. Keiner der beiden Fürsten wäre ohne den Eid des Metropoliten gekommen, und genau dafür wurde der Eid gebraucht.
Das Verfahren überlebte die Dynastien. 1768 lud ein russischer Oberst die Anführer des Hajdamaken-Aufstands, Gonta und Salisnjak, als Verbündete zu sich ins Lager und ließ sie festnehmen. Gonta wurde an die Polen ausgeliefert, die ihm die Haut in Streifen vom Leib schnitten. Salisnjak brandmarkten die Russen selbst und schickten ihn nach Sibirien. 1775 kehrten russische Truppen aus dem Türkenkrieg zurück, in dem die Saporoger Kosaken noch an ihrer Seite gekämpft hatten, und umstellten deren Sitsch. Ihr letzter Ataman Kalnyschewskyj saß danach ein Vierteljahrhundert auf den Solowezki-Inseln. 1920 riefen die Bolschewiki die Kommandeure Machnos, die ihnen eben noch die Krim gegen Wrangel erobert hatten, zu einer Beratung und erschossen sie. 1956 kam KGB-Chef Iwan Serow um Mitternacht in den Raum, in dem auf dem Stützpunkt Tököl verhandelt wurde, und verhaftete die ungarische Militärdelegation unter General Pál Maléter. Imre Nagy verließ die jugoslawische Botschaft mit einer schriftlichen Garantie für freies Geleit. Sowjetische Soldaten hielten den Bus an, drängten die jugoslawischen Diplomaten hinaus und nahmen die Ungarn fest. 1958 wurden Nagy und Maléter hingerichtet. 1979 hatte Afghanistans Präsident Hafisullah Amin selbst um sowjetische Truppen zu seinem Schutz gebeten. Der KGB vergiftete ihn beim Mittagessen. Sowjetische Ärzte, die nicht eingeweiht waren, holten ihn zurück ins Bewusstsein, und kurz darauf erschossen ihn die Soldaten, die ihn beschützen sollten. Die Prawda meldete danach, ein Revolutionsgericht habe ihn verurteilt.
Interessant ist, wer davongekommen ist. Michail Alexandrowitsch kam 1368 frei, weil die Horde auftauchte. Der Kosakenführer Iwan Sirko kehrte aus der Verbannung in Tobolsk zurück, weil die Osmanen Druck machten und Moskau seine Säbel brauchte. Semen Palij, den Mazepa 1704 mit Zustimmung des Zaren verhaftet hatte, wurde aus Sibirien zurückgeholt, als Poltawa bevorstand. Keiner von ihnen wurde gerettet, weil Moskau sein Wort gehalten hätte. Gerettet hat sie jedes Mal eine Macht außerhalb Moskaus, die den Wortbruch gefährlicher machte als die Treue. Ob eine russische Garantie hält, hängt allein davon ab, ob außerhalb Russlands jemand stark genug ist, ihren Bruch zu bestrafen.
Deutschland kennt diese Rechnung, und zwar aus eigener Anschauung. Acht Jahre lang saß Berlin zusammen mit Paris als Pate im Normandie-Format. Verhandelt wurde dort über die russische Unterschrift unter Minsk, als hinge an ihr alles. In der Geschichte hatten die jugoslawischen Diplomaten im Bus von 1956 dieselbe Aufgabe: Zeugen, deren Anwesenheit dem Opfer das Einsteigen leichter macht. Eine Waffenruhe, die im Kern auf einer russischen Zusage beruht, würde Berlin wieder in diese Rolle bringen. 1956 haben die Soldaten zuerst die Zeugen aus dem Bus gedrängt.
Dass ein Reporter des Staatsfernsehens einem Präsidenten durch die Flure der Vereinten Nationen nachläuft, zeigt ganz gut, was vom diplomatischen Werkzeugkasten des Kremls noch übrig ist: der Versuch, einen Mann bei seinem Stolz zu packen, damit er in ein Zelt geht, in dem schon einmal ein Herz herausgeschnitten wurde. Selenskyjs Antwort war ruppig, aber sie ist die einzige, die siebenhundert Jahre Aktenlage zulassen. Nach Moskau reist man nicht auf Einladung, und schon gar nicht auf eine russische Garantie hin.
Quellen und Einordnung: Der Text stützt sich auf Berichte von dpa, Tagesspiegel und TVP World über Wolodymyr Selenskyjs Antwort an einen Reporter des russischen Staatsfernsehens am Rand der UN-Generalversammlung im September 2026 sowie auf die seit 2025 wiederholte Forderung des Kremls, ein Präsidententreffen müsse in Moskau stattfinden. Die Ermordung Michails von Twer folgt der Erzählung aus dem Umfeld des Abtes Alexander, der den Fürsten 1318 in die Horde begleitete, die Verhaftung Michail Alexandrowitschs 1368 der Twerer Chronistik und der Fall Wassili Schemjatschitschs den Moskauer Chroniken und dem Russischen Biographischen Wörterbuch. Die Angaben zu Gonta und Salisnjak, zur Zerstörung der Sitsch sowie zu Kalnyschewskyj, Sirko und Palij folgen der Encyclopedia of Ukraine, die zur Erschießung Karetniks und Hawrylenkos den Darstellungen Peter Arschinows und Wolins. Die Verhaftungen von Tököl und die Entführung Imre Nagys dokumentiert der Bericht des UN-Sonderausschusses für das Problem Ungarn von 1957. Die Vergiftung und Tötung Hafisullah Amins ist durch Berichte beteiligter sowjetischer Offiziere und Ärzte zur Operation Sturm-333 belegt.