Am 4. Februar 1931 stand Josef Stalin vor den Wirtschaftsfunktionären der Sowjetunion und zählte auf, wer Russland alles verprügelt hatte. Die mongolischen Khane, die türkischen Beys, die schwedischen Feudalherren, die polnisch-litauischen Pans, die englisch-französischen Kapitalisten, die japanischen Barone. Geschlagen wegen militärischer, kultureller, staatlicher, industrieller und landwirtschaftlicher Rückständigkeit. Geschlagen, weil es sich lohnte und straflos blieb. Das war die Begründung für Zwangsindustrialisierung und Kollektivierung, an deren Folgen 1932 und 1933 Millionen verhungerten, am meisten in der Ukraine.
Die Liste ließe sich verlängern. Peter I., 1711 am Pruth von den Osmanen eingekesselt, kaufte sich mit der Rückgabe von Asow frei. 1790 verlor die russische Flotte bei Svensksund gegen die Schweden über fünfzig Schiffe und Tausende Männer, in einer der größten Seeschlachten, die je geschlagen wurden. Der Krimkrieg, Tsushima, der Erste Weltkrieg, an dem das Zarenreich zerbrach, 1920 die Niederlage vor Warschau, zehn Jahre Afghanistan. Im russischen Schulbuch steht stattdessen, dass Russland siegt, weil es Russland ist. „Wir können es wiederholen“ kleben sich Autofahrer zum 9. Mai auf die Heckscheibe, als wäre der Sieg eine Blutgruppe.
Ausgerechnet über diesen einen Sieg haben seine eigenen Architekten anders gesprochen. In Teheran, am 30. November 1943, Churchills Geburtstag, hob Stalin das Glas auf die Amerikaner. Das Wichtigste in diesem Krieg seien Maschinen. Die USA bauten acht- bis zehntausend Flugzeuge im Monat, Russland höchstens dreitausend. Ohne die Maschinen, die über Lend-Lease kämen, würde man diesen Krieg verlieren. So steht es im amerikanischen Protokoll der Konferenz, 1961 in den „Foreign Relations of the United States“ veröffentlicht. Geprahlt hat Stalin dabei nicht einmal. Die Sowjetunion baute 1943 rund 35.000 Flugzeuge.
Chruschtschow hat in seinen Memoiren festgehalten, dass Stalin im kleinen Kreis mehrfach sagte, allein gegen Hitler hätte die Sowjetunion den Krieg verloren. Und er beschreibt, wie peinlich ihm nach Stalins Tod die Paraden waren, auf denen die sowjetische Artillerie noch immer von amerikanischen Zugmaschinen über den Platz gezogen wurde. Der Sieg fuhr Studebaker. Die Soldaten aßen ihn auch. Die amerikanische Fleischkonserve hieß an der Front „die zweite Front“.
Die ehrlichste Stimme gehört dem Mann, den das Regime zum Marschall des Sieges gemacht hat. Am 27. Mai 1963 schickte KGB-Chef Wladimir Semitschastny einen Bericht an Chruschtschow, zusammengestellt aus Spitzelnotizen über den pensionierten Georgi Schukow. Schukow hatte auf seiner Datscha gesagt, die Amerikaner hätten so viel Material geschickt, dass die Sowjetunion ohne sie keine Reserven hätte aufstellen und den Krieg nicht hätte fortsetzen können. Es habe an Pulver und Sprengstoff gefehlt, man habe nicht einmal Gewehrpatronen füllen können. Ohne amerikanischen Stahl keine schnelle Panzerproduktion. Und heute tue man so, als habe man alles selbst im Überfluss gehabt. Die Wahrheit über den Sieg hat in Russland also überlebt, weil ein Denunziant sie mitschrieb.
Die Mengen geben Schukow recht. Rund 400.000 Lastwagen und Jeeps aus den USA, dazu Tausende Flugzeuge und Panzer aus Amerika und Großbritannien, Millionen Tonnen Lebensmittel, fünfzehn Millionen Paar Stiefel. Der Moskauer Historiker Boris Sokolow hat errechnet, dass die Lieferungen mehr als die Hälfte des sowjetischen Sprengstoffbedarfs deckten und mehr Aluminium brachten, als das Land selbst herstellte. Gelöscht ist noch ein zweiter Beitrag. Nach ukrainischen Schätzungen dienten sechs Millionen oder mehr Ukrainer in der Roten Armee. Moskau hat ihre Toten in die eigene Siegesbilanz übernommen und schickt heute Raketen auf ihre Enkel, um die Ukraine zu „entnazifizieren“.
Lenin hat diesen Menschentyp 1914 beschrieben, in „Über den Nationalstolz der Großrussen“. Er zitiert Tschernyschewski, der die Großrussen eine erbärmliche Nation nannte, eine Nation von Sklaven, von oben bis unten. Und er nennt den Sklaven, der seine Sklaverei beschönigt und die Erdrosselung Polens und der Ukraine als Vaterlandsverteidigung ausgibt, einen Lakaien und Rüpel. Den Z-Patrioten von heute hat damit ein Mann beschrieben, der noch immer im Mausoleum am Roten Platz liegt.
Heute kommen Millionen Artilleriegranaten aus Nordkorea, im Gebiet Kursk kämpften nordkoreanische Soldaten, die Schahed-Drohnen stammen aus iranischer Konstruktion, die Werkzeugmaschinen aus China. Aus dem Studebaker ist eine Granate aus Pjöngjang geworden. Wie viel ohne diese Lieferungen noch schießen würde, sagt in Moskau kein General laut. Schukow hat es 1963 auch nur auf der Datscha gesagt.
Deutschland hat dieses Konto lange mitgeführt. Frank-Walter Steinmeier begründete Nord Stream 2 noch im Februar 2021 mit den mehr als 20 Millionen Toten der damaligen Sowjetunion. In dieser Buchung stand Moskau als alleiniger Erbe von 1945, die Ukraine kam nicht vor, und die Schuld wurde in Gasverträgen beglichen, an den Staat, der im selben Frühjahr rund hunderttausend Soldaten an der ukrainischen Grenze aufmarschieren ließ.
Dieses Gedächtnis sortiert nicht nach Siegen. Iwan der Schreckliche, der den Livländischen Krieg verlor und das Land in die Verwüstung trieb, bekommt Denkmäler in Orjol und Alexandrow. Gorbatschow, der ein Imperium fast ohne Blut zerfallen ließ, wird verachtet. Stalins Liste von 1931 hat inzwischen einen neuen Eintrag: eine Schwarzmeerflotte, die ein Land ohne nennenswerte Marine aus dem Westen des Schwarzen Meeres vertrieben hat. Geschlagen wegen Rückständigkeit, hätte Stalin gesagt. Heute stünde dieser Satz, wenn überhaupt, in einem Spitzelbericht.
Quellen und Einordnung: Der Text stützt sich auf Stalins Rede vor der Ersten Unionskonferenz der Funktionäre der sozialistischen Industrie vom 4. Februar 1931, auf das amerikanische Protokoll der Teheraner Konferenz, 1961 in der Reihe „Foreign Relations of the United States“ veröffentlicht, sowie auf die Memoiren Nikita Chruschtschows. Schukows Äußerungen sind im Bericht des KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny an Chruschtschow vom 27. Mai 1963 überliefert. Die Lieferzahlen folgen den amerikanischen Lend-Lease-Aufstellungen und den Berechnungen des russischen Historikers Boris Sokolow, die Zahl ukrainischer Rotarmisten beruht auf Schätzungen ukrainischer Historiker. Die Zitate Lenins stammen aus seiner Schrift „Über den Nationalstolz der Großrussen“ von 1914. Steinmeiers Begründung für Nord Stream 2 stammt aus einem Interview vom Februar 2021, die Angaben zu nordkoreanischen Granatenlieferungen und Truppen aus Berichten südkoreanischer und ukrainischer Nachrichtendienste.