Es gab einmal einen sowjetischen Witz: Die UdSSR grenzt an jedes Land, an das sie grenzen will. Den Chinesen hat man ihn damals nicht erzählt, aus naheliegenden Gründen. Heute bräuchte der Witz eine neue Pointe, denn die Grenze, die gerade verschwindet, ist nicht mehr die eines Imperiums, das sich ausdehnt, sondern die eines Luftraums, der sich nicht mehr verteidigen lässt. Ukrainische Drohnen und ein Marschflugkörper namens Flamingo fliegen inzwischen dorthin, wo sie hinfliegen wollen, und Russlands Luftabwehr feiert das eigene Versagen mit Meldungen über angeblich 1600 abgeschossene Drohnen, während die Videos zeigen, wie ein einzelnes Fluggrät seelenruhig in eine brennende Raffinerie einschwenkt.

Der Flamingo trägt einen bis zu 1150 Kilogramm schweren Gefechtskopf über mehr als 3000 Kilometer, ist gut vier Mal so groß wie ein amerikanischer Tomahawk und kostet trotzdem nur 500.000 bis eine Million Dollar pro Stück. Anfang September traf er die Chemiefabrik Wolgogradpromproekt, ein von den USA sanktioniertes Werk für Verbrennungskatalysatoren aus der russischen Luftfahrt-, Schiffs- und Rüstungsproduktion. Satellitenbilder zeigen einen vollständig zerstörten, rund 20 mal 15 Meter großen Abschnitt der Hauptwerkshalle. Schon im Frühsommer hatten Drohnen das Satellitenkommunikationszentrum in Dubna bei Moskau und die Weltraumfunkstelle bei Gus-Chrustalny in der Region Wladimir lahmgelegt – genau jene Infrastruktur, über die Teile der russischen militärischen Kommunikation laufen, mit Antennen einer Größenordnung, die sich nicht eben im nächsten Elektronikmarkt nachkaufen lässt.

Der Kreml selbst bleibt seltsam unberührt, und das hat einen nüchternen Grund. Im Mai 2023 stürzten zwei Drohnen über der Kuppel des Senatspalasts ab, ohne Schaden anzurichten, aber mit dem Beweis, dass es technisch möglich ist. Seither weiß jeder, der es wissen will, dass der symbolische Wert eines brennenden Kremls höher wäre als sein militärischer. Putin sitzt ohnehin nicht dort, sondern irgendwo tiefer und weiter draußen. Die Krim-Brücke ist ein lohnenderes Ziel, weil über sie tatsächlich noch etwas transportiert wird. Der Kreml bleibt stehen, nicht aus Respekt, sondern weil ein brennendes Wahrzeichen ohne militärischen Nutzen nur Symbolpolitik wäre.

Die Verwundbarkeit hat sich unterdessen verschoben. Lange galten Raffinerien als das eigentliche Ziel, die Fördertürme als zu zahlreich, um ernsthaft bedroht zu sein. Aber ein Ölfeld mit tausend Bohrtürmen ist kein Bunker, sondern eine Fläche, und Flächen brennen. Das haben irakische Truppen 1991 in Kuwait vorgeführt, als sie auf dem Rückzug rund 700 Ölquellen anzündeten und der Himmel monatelang schwarz blieb. Wenn ukrainische Drohnen beginnen, nicht nur Pipelines und Tanklager, sondern die Förderung selbst zu treffen, wird aus einem Raffinerieproblem ein Förderproblem – und das repariert niemand in ein paar Wochen.

Wo es jetzt schon wehtut, ist an der Zapfsäule. Der Grund ist simpel: Russlands Raffinerien verarbeiten inzwischen nur noch gut 3,8 Millionen Barrel am Tag, gegenüber sonst 5,3 bis 5,5 Millionen im Sommer – der tiefste Stand seit über zwanzig Jahren, nach einem August mit mehr als zwanzig Angriffen allein auf Raffinerien. In 56 der 83 russischen Regionen gilt inzwischen irgendeine Form von Rationierung: mal eine kommunale Deckelung von 30 Litern pro Auto, nur noch in den Tank statt in den Kanister, mal schlicht die Tankstellenkette selbst, der der Nachschub ausgeht. In Dagestan sind es 20 Liter Benzin und 50 Liter Diesel pro Person. Moskau hat den Exportstopp für Benzin mehrfach verlängert und zusätzliche Beschränkungen für Diesel verhängt. Treibstoffmangel ist dabei kein Komfortproblem für Autofahrer. Ohne Diesel bleibt die Ernte auf dem Feld liegen, und jeder Lieferwagen, jede Baustelle, jede Fabrik hängt an derselben Zapfsäule wie der private Wagen.

Die Ironie hat eine deutsche Adresse. Dieselbe russische Propaganda, die 2022 Videos produzierte, in denen frierende Europäer auf Eseln durch menschenleere Supermärkte reiten, richtete sich vor allem an ein deutsches Publikum, das sich damals ernsthaft fragte, ob der Winter ohne russisches Gas zu überstehen sei. Der Winter wurde überstanden, die Esel blieben im Studio. Was tatsächlich eintraf – rationierter Kraftstoff, leere Zapfsäulen, ein Staat, der seiner Bevölkerung erklärt, wie viele Liter ihr zustehen –, das trifft heute das Land, das die Bilder produziert hat.

Was am Ende fehlt, zahlt der Staat gleich mehrfach. Erst fällt die Anlage aus. Dann kostet die Reparatur. Dann fehlen die Produkte, die sie eigentlich liefern sollte. Dann muss der Staat den Binnenmarkt stabilisieren, Exporte drosseln, Rationierung verwalten. Am Ende bleibt ein Loch, das der Staat finanzieren muss: Allein in den ersten sieben Monaten 2026 stand ein Defizit von 6,455 Billionen Rubel zu Buche, 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung – mehr, als das gesamte Jahr 2025 gekostet hatte, und fast doppelt so viel wie der eigene Jahresplan vorsah. Abstimmen musste darüber niemand.

Auf eine baldige Explosion sollte darüber trotzdem niemand wetten. Wer in Russland jung, mobil und wütend genug wäre, um etwas zu riskieren, ist überdurchschnittlich oft entweder an der Front verheizt oder längst ausgereist. Zurück bleibt eine überalterte Bevölkerung, die seit Dmitri Donskoi gelernt hat, dass Aushalten die einzige verfügbare Tugend ist. Wer in dieser Reihe steht, organisiert sich nicht. Er wartet.

Quellen und Einordnung:

Der Artikel stützt sich auf technische Analysen des IISS zum ukrainischen Marschflugkörper Flamingo sowie auf Berichte von Kyiv Independent, Militarnyi und Ukrainska Pravda zum Angriff auf die Chemiefabrik Wolgogradpromproekt und die russischen Weltraumkommunikationszentren in Dubna und bei Gus-Chrustalny. Die Angaben zur russischen Raffineriekrise stammen aus Analysen des Warschauer Centre for Eastern Studies (OSW) und der Internationalen Energieagentur sowie aus Berichten von Bloomberg und Reuters. Die Kartierung der regionalen Treibstoffrationierung basiert auf der Recherche des russischen Mediums Mediazona, die Haushaltszahlen auf Angaben des russischen Finanzministeriums. Historische Bezüge – der Drohnenvorfall über dem Kreml vom Mai 2023 und die brennenden Ölfelder Kuwaits von 1991 – sind öffentlich dokumentiert.