Über Charkiw, Kyjiw und ein paar zerschossenen Dörfern im Osten fliegen wieder die iranischen Shahed-Nachbauten, nachts, in Schwärmen, manchmal fünfzig, manchmal über hundert. Ukrainische Flugabwehr schießt einen Teil davon ab, oft buchstäblich über den Köpfen der Menschen, die gerade telefonieren oder schlafen. Das ist keine Frontlinienverschiebung. Es ist Lärm, und der Lärm soll etwas ersetzen, das es nicht mehr gibt: einen Erfolg im Feld. Wo an der Front im Sommer 2025 kaum mehr als einzelne Dörfer den Besitzer wechseln, wird zu Hause gemeldet, es handle sich um historische Durchbrüche. Man kann diesen Widerspruch an Sergej Lawrow besichtigen, der dieser Tage erzählt, Russen seien ein besonders gottesfürchtiges Volk, dass beim OSZE-Gipfel 1999 in Istanbul schriftlich vereinbart worden sei, die NATO werde sich nicht erweitern – ein Dokument, das nie existiert hat –, und dass 2014 in Kyjiw ein „Putsch“ stattgefunden habe, obwohl das Parlament mit verfassungsmäßiger Mehrheit abstimmte, nachdem der damalige Präsident nach Russland geflohen war. Und dann, fast im gleichen Atemzug, die Klage: Im Zweiten Weltkrieg habe man wenigstens die USA und Großbritannien an seiner Seite gehabt, diesmal lägen nur nordkoreanische Soldaten mit im Schützengraben bei Kursk. Ein Imperium, das sich über seine Bündnispartner beschwert, hat aufgehört, eines zu sein.
Der eigentliche Befund liegt tiefer als die Propagandalügen. Jeder russische Zusammenbruch der letzten anderthalb Jahrhunderte wurde von einem Nachfolgeregime kaschiert, das sich am liegengelassenen Vermögen des vorherigen bediente: Aus den Trümmern der Romanow-Monarchie wurde die Sowjetunion gebaut, aus der Konkursmasse der Sowjetunion die postsowjetische Autokratie. Was seit 25 Jahren als imperiale Wiederauferstehung verkauft wird, war im Kern Verzehr sowjetischer Substanz – Pipelines, Kraftwerke, Raketensilos, Rüstungslager, Ingenieurschulen, gebaut von einer Generation, die längst tot ist. Niemand hat seither ein neues Fundament gelegt. Und genau das ist jetzt aufgebraucht.
Was übrig bleibt, ist eine Reihe von Erschöpfungen, die sich nicht wegregieren lassen. Demografisch fehlt der Nachschub: Ein Durchschnittsalter von über vierzig Jahren und eine Geburtenrate nahe historischen Tiefstständen erzeugen keine zwanzigjährigen Massen, die man verschleißen kann, wie es die Bolschewiki taten. Technologisch fehlt die Zwangsoption: Man kann einem Chip-Ingenieur keine Pistole an den Kopf halten, wie man es einst mit Zwangsarbeitern der Industrialisierung tat, weil moderne Mikroelektronik über verteilte, freiwillige Kooperation Tausender Spezialisten in einem Dutzend Ländern läuft, die man nicht bedrohen kann. Souveränität fehlt gegenüber China: Vom Smartphone bis zur Werkzeugmaschine, von zivilen Ersatzteilen bis zu den Mikrochips, die russische Raketen brauchen, kommt inzwischen fast alles aus chinesischer Fertigung – und mit ihm die Möglichkeit, den Nachschub jederzeit zu drosseln, ohne dass Peking dafür auch nur eine Erklärung schuldig wäre. Und ideologisch bleibt nur ein zusammengerührter Brei aus Zarenmystik, sowjetischer Symbolik und Priestern mit Weihrauchkesseln am Weltraumbahnhof, der so lange funktioniert, wie niemand genauer hinschaut – Zynismus, der binnen einer Nacht verdunsten kann, wie 1991 bewiesen.
Der Drohnenkrieg gegen ukrainische Städte ist deshalb vor allem eines: die letzte verbliebene Handlung eines Staates, dem die eigentlichen Machtmittel ausgegangen sind. Wer ihn als Stärke liest, verwechselt Lärm mit Substanz. Nur sollte man daraus keine beruhigende Schlussfolgerung ziehen. Weder Washington noch Peking haben ein Interesse an einem chaotisch zerfallenden Russland mit tausenden Nuklearsprengköpfen und offenen Grenzen. Beide Mächte können mit einem geschwächten, aber funktionsfähigen Russland besser leben als mit einem zerfallenden Nuklearstaat. Für Peking wäre es der ideale Rohstofflieferant: abhängig, billig und politisch brauchbar. Genau dieses Interesse verlängert die Nächte, in denen über Kyjiw Drohnen fallen. Wer in Berlin aus der beschriebenen Erschöpfung ableitet, man könne die Sache aussitzen, verwechselt zwei Zeitmaße: Der historische Verfall wird in Jahrzehnten gemessen, der Beschuss von Wohnhäusern in Nächten.
Was danach kommt, ist keine Reform. Es ist ein Zustand, den es immer schon gab, bevor autoritäre Disziplin ihn zudeckte. In seinem Buch über die Lebensbilder der russischen Geschichte beschreibt Mykola Kostomarow das Moskowien des 16. und 17. Jahrhunderts so, wie es tatsächlich funktionierte: Woiwoden, die offen Bestechungsgelder nahmen, Schuldner, die ausgepeitscht wurden, bis ihre Familie das letzte Hab und Gut hergab, Menschen, die als Tauschmasse zwischen Gutsherren wechselten, wenn deren Leibeigene sich gegenseitig erschlugen. Das war kein Zwischenstadium auf dem Weg zu etwas Besserem. Es war der Normalzustand, den Zar und Politbüro jeweils nur mit geliehener Substanz überdeckt haben.
Diese Substanz ist jetzt weg. Was bleibt, ist kein neuer Umlauf, sondern der Boden, der immer darunter lag.
Quellen und Einordnung: Der Artikel stützt sich auf öffentlich dokumentierte Aussagen von Sergej Lawrow, darunter seine Behauptung eines schriftlich vereinbarten NATO-Erweiterungsverzichts vom OSZE-Gipfel Istanbul 1999 sowie seine Deutung der Ereignisse von 2014 in Kyjiw als „Putsch", außerdem auf Berichte über den Einsatz nordkoreanischer Truppen im Gebiet Kursk. Historische Bezüge folgen Mykola Kostomarows Untersuchung des Moskauer Staates im 16. und 17. Jahrhundert, die den Amtsmissbrauch der Woiwoden, Ämter als private Einkommensquelle und willkürliche Abgaben gegenüber der Bevölkerung dokumentiert. Angaben zu Durchschnittsalter, Geburtenrate sowie zur wirtschaftlichen und technologischen Abhängigkeit Russlands von China stammen aus offen zugänglichen demografischen und außenhandelsstatistischen Quellen. Die Einschätzung eines geteilten amerikanisch-chinesischen Interesses an einem geschwächten, aber funktionsfähigen statt zerfallenden Russland beruht auf öffentlich diskutierten außenpolitischen Erwägungen beider Regierungen.