Der Antifaschismus steht wieder vor Gericht – und die, die er einst anklagte, sitzen im Saal. In Europa wachsen Milieus, die Demokratie als Schwäche, Minderheiten als Störung und autoritäre Ordnung als Erlösung verkaufen. Gleichzeitig wird jene Tradition, die sich solchen Bewegungen historisch entgegenstellte, als historische Täuschung, linke Lebenslüge oder sowjetisches Nebenprodukt entsorgt. Das ist keine nüchterne Historisierung, sondern eine Räumung. Der Papierkorb kam mit Bibliographie.

Der Befund hat Adressen. In Deutschland trägt das Wort bis heute die Hypothek der DDR, die ihre Mauer „antifaschistischen Schutzwall“ nannte – ein Staat, der Freiheit einsperrte und sich dafür mit einem Begriff schmückte, den er nicht verdiente. Seither reicht der Verweis auf dieses eine Schild, um jede antifaschistische Position als Ost-Folklore abzutun, ganz gleich, ob die jeweilige Position mit der DDR je etwas zu tun hatte. In Italien trennt Fratelli d’Italia die Befreiung vom politischen Antifaschismus: Meloni feiert in ihren offiziellen Botschaften zum 25. April Freiheit und Demokratie, ohne sich auf den Begriff festzulegen, und Senatspräsident La Russa weicht der direkten Frage aus, ob er sich selbst als Antifaschist bezeichnet. In Frankreich markiert der Rassemblement National „Antifa“ konsequent als Gewaltmarke, nie als Haltung – ein Wort, das nur noch als Feindbezeichnung zirkuliert.

Antifaschismus ist aber keine Organisation und kein Freibrief für politische Gewalt. Seine Gleichsetzung mit jedem Milieu, das sich „Antifa“ nennt, ist keine Kritik, sondern eine semantische Enteignung. Drei Länder, drei Wege, dasselbe Ergebnis: Der Begriff wird nicht widerlegt, er wird unbrauchbar gemacht. Widerlegung bräuchte ein Argument. Unbrauchbarmachung braucht nur Wiederholung.

Natürlich hatte der historische Antifaschismus blinde Flecken. Sein sowjetisch dominierter Strang verschwieg den Stalinismus als eigenes System der Gewalt und erklärte den Sieg über Hitler zum Triumph des Fortschritts – obwohl derselbe Staat Berlin niederrang und ein gewaltiges Lagersystem beherrschte. Auch die Erinnerungskultur, die sich auf ihn berief, begriff Auschwitz lange nicht als eigenständigen Zivilisationsbruch, sondern als eine Katastrophe unter anderen Katastrophen des Krieges. Diese Bilanz ist hart. Sie entlastet den Antifaschismus nicht. Sie rettet ihn vor seiner eigenen Ikone.

Der Trick beginnt dort, wo Kritik an der historischen Tradition in Entsorgung der politischen Kategorie kippt. Aus dem Satz, dass Antifaschisten Fehler machten, wird der Satz, Antifaschismus sei selbst der Fehler. Genau diese Unterscheidung braucht jede Demokratie, um ihre Feinde noch als Feinde zu erkennen. Ohne sie wird der Angreifer zum Gesprächspartner, der Kollaborateur zum Provokateur, der Autoritäre zum Populisten mit Milieuproblem – und die Grenze, an der eine Demokratie ihre eigene Verteidigung erkennt, löst sich in Diskursfreundlichkeit auf.

Russland nutzt die freigeräumte Stelle, ohne sie erst erobern zu müssen. Der Kreml nennt seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine seit 2022 „Entnazifizierung“: Ein Staat, der Städte ausradiert, Kinder verschleppt und Nachbarn das Existenzrecht abspricht, tritt als Befreier auf. Die Lüge entsteht nicht im Westen. Aber der Westen erleichtert ihren Export, indem er die Abwehrsprache preisgibt, die Moskaus Etikettenschwindel entlarvt. Moskau muss keine neue Sprache erfinden. Es braucht nur ein Wort, das der Gegner selbst schon aufgegeben hat.

Die westliche Entwertung des Antifaschismus und der russische Missbrauch stammen aus verschiedenen Werkstätten. Sie liefern am Ende dasselbe Ergebnis. Die eine Seite erklärt den Begriff für kontaminiert, die andere erklärt ihn für russisches Eigentum – und Europa steht ohne brauchbares Wort vor einem System, das Lagerlogik, Imperialmythos, Führerkult und Vernichtungssprache zusammenführt. Das ist kein Sammelsurium autoritärer Symptome. Das ist ein faschistisches System mit Atomwaffen. Wer das noch „komplex“ nennt, verwechselt Analyse mit Betäubung.

Die Frage ist nicht, ob Antifaschismus rein genug oder historisch makellos genug ist. Keine Tradition, die durch Krieg, Stalinismus, Widerstand und Nachkriegsmythen gegangen ist, kommt unbeschädigt zurück. Die Frage ist, was übrig bleibt, wenn man sie abschafft. Übrig bleibt eine Demokratie, die ihre Feinde nur noch verwaltet. Übrig bleibt ein Europa, das russische Tätersprache seziert, während es die eigene Abwehrsprache entsorgt.

Antifaschismus ist kein Denkmal. Er ist eine Mindestgrenze. Russland hat sie überschritten. Europa scheut noch immer das Wort dafür, weil es die eigene Abwehrsprache zu lange für peinlich hielt. Das ist kein russischer Sieg. Es ist ein westliches Versäumnis mit sauberem Ton.

Quellen und Einordnung:

Der Text stützt sich auf die offizielle Botschaft der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni zum 25. April 2023 sowie auf Presseberichte zum Auftritt von Senatspräsident Ignazio La Russa bei der Gedenkfeier 2025, der der direkten Frage nach seinem Verhältnis zum Antifaschismus auswich. Für Frankreich stützt er sich auf parlamentarische Anfragen von Abgeordneten des Rassemblement National aus den Jahren 2023 und 2024, die eine antifaschistische Gruppierung wiederholt als gewalttätige Miliz bezeichnen. Die historische Einordnung des sowjetisch geprägten Antifaschismus folgt der etablierten Forschung zu Stalinismus, sowjetischer Erinnerungspolitik und der verspäteten Anerkennung der Shoah als eigenständigem Zivilisationsbruch. Der Begriff „antifaschistischer Schutzwall“ ist die historisch belegte offizielle DDR-Bezeichnung der Berliner Mauer.