Der Antifaschismus steht wieder vor Gericht – und die, die er einst anklagte, sitzen im Saal. In Europa wachsen Milieus, die Demokratie als Schwäche, Minderheiten als Störung und autoritäre Ordnung als Erlösung verkaufen. Gleichzeitig wird jene Tradition, die sich solchen Bewegungen historisch entgegenstellte, als historische Täuschung, linke Lebenslüge oder sowjetisches Nebenprodukt entsorgt. Das ist keine nüchterne Historisierung, sondern eine Räumung. Der Papierkorb kam mit Bibliographie.
Der Befund hat Adressen. In Deutschland trägt das Wort bis heute die Hypothek der DDR, die ihre Mauer „antifaschistischen Schutzwall“ nannte – ein Staat, der Freiheit einsperrte und sich dafür mit einem Begriff schmückte, den er nicht verdiente. Seither reicht der Verweis auf dieses eine Schild, um jede antifaschistische Position als Ost-Folklore abzutun, ganz gleich, ob die jeweilige Position mit der DDR je etwas zu tun hatte. In Italien trennt Fratelli d’Italia die Befreiung vom politischen Antifaschismus: Meloni stellte in ihrer offiziellen Botschaft zum 25. April 2023 Freiheit und Demokratie ins Zentrum, ohne den Begriff zum politischen Bezugspunkt zu machen, und Senatspräsident La Russa betonte im selben Jahr, das Wort „Antifaschismus“ stehe nicht in der Verfassung; zugleich erkannte er die Werte der Resistenza ausdrücklich an und warf PCI und Linken vor, sie politisch vereinnahmt zu haben. In Frankreich führt der Rassemblement National die Auseinandersetzung mit antifaschistischen Akteuren wiederholt über deren Gewalt: Der RN-Abgeordnete Julien Odoul forderte die Auflösung der Jeune Garde Antifasciste und bezeichnete sie als gewalttätige Miliz.
Antifaschismus ist aber keine Organisation und kein Freibrief für politische Gewalt. Konkrete Gruppen dürfen an ihrer Praxis gemessen werden; den Begriff auf solche Milieus zu verengen, ist dennoch keine begriffliche Klärung, sondern eine semantische Enteignung. Drei Länder, drei Wege, dieselbe Verschiebung: Der Begriff wird nicht widerlegt, sondern an seiner Geschichte, seinen politischen Trägern oder seinen militantesten Erscheinungsformen festgebunden – und damit unbrauchbar gemacht. Widerlegung bräuchte ein Argument. Unbrauchbarmachung braucht nur Wiederholung.
Natürlich hatte der historische Antifaschismus blinde Flecken. Sein sowjetisch dominierter Strang verschwieg den Stalinismus als eigenes System der Gewalt und erklärte den Sieg über Hitler zum Triumph des Fortschritts – obwohl derselbe Staat Berlin niederrang und ein gewaltiges Lagersystem beherrschte. Auch die Erinnerungskultur, die sich auf ihn berief, begriff Auschwitz lange nicht als eigenständigen Zivilisationsbruch, sondern als eine Katastrophe unter anderen Katastrophen des Krieges. Diese Bilanz ist hart. Sie entlastet den Antifaschismus nicht. Sie rettet ihn vor seiner eigenen Ikone.
Der Trick beginnt dort, wo Kritik an der historischen Tradition in Entsorgung der politischen Kategorie kippt. Aus dem Satz, dass Antifaschisten Fehler machten, wird der Satz, Antifaschismus sei selbst der Fehler. Genau diese Unterscheidung braucht jede Demokratie, um ihre Feinde noch als Feinde zu erkennen. Ohne sie wird der Angreifer zum Gesprächspartner, der Kollaborateur zum Provokateur, der Autoritäre zum Populisten mit Milieuproblem – und die Grenze, an der eine Demokratie ihre eigene Verteidigung erkennt, löst sich in Diskursfreundlichkeit auf.
Russland nutzt die freigeräumte Stelle, ohne sie erst erobern zu müssen. Der Kreml nennt seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine seit 2022 „Entnazifizierung“: Ein Staat, der Städte ausradiert, Kinder verschleppt und Nachbarn das Existenzrecht abspricht, tritt als Befreier auf. Die Lüge entsteht nicht im Westen. Aber sie trifft auf einen Westen, der die Abwehrsprache preisgibt, die Moskaus Etikettenschwindel entlarvt. Moskau muss keine neue Sprache erfinden. Es braucht nur ein Wort, das der Gegner selbst schon aufgegeben hat.
Die westliche Entwertung des Antifaschismus und der russische Missbrauch stammen aus verschiedenen Werkstätten. Sie treffen sich am Ende in einem Punkt. Die eine Seite erklärt den Begriff für kontaminiert, die andere erklärt ihn für russisches Eigentum – und Europa steht ohne brauchbares Wort vor einem System, das Lagerlogik, Imperialmythos, Führerkult und Vernichtungssprache zusammenführt. Das ist kein Sammelsurium autoritärer Symptome. Das ist ein faschistisches System mit Atomwaffen. Wer das noch „komplex“ nennt, verwechselt Analyse mit Betäubung.
Die Frage ist nicht, ob Antifaschismus rein genug oder historisch makellos genug ist. Keine Tradition, die durch Krieg, Stalinismus, Widerstand und Nachkriegsmythen gegangen ist, kommt unbeschädigt zurück. Die Frage ist, was übrig bleibt, wenn man sie abschafft. Übrig bleibt eine Demokratie, die ihre Feinde nur noch verwaltet. Übrig bleibt ein Europa, das russische Tätersprache seziert, während es die eigene Abwehrsprache entsorgt.
Antifaschismus ist kein Denkmal. Er ist eine Mindestgrenze. Russland hat sie überschritten. Europa scheut noch immer das Wort dafür, weil es die eigene Abwehrsprache zu lange für peinlich hielt. Das ist kein russischer Sieg. Es ist ein westliches Versäumnis mit sauberem Ton.
Quellen und Einordnung:
Der Text stützt sich für Italien auf Giorgia Melonis offizielle Botschaft zum 25. April 2023 sowie auf Äußerungen Ignazio La Russas vom April 2023 zum Verhältnis von Verfassung, Resistenza und Antifaschismus. Für Frankreich werden parlamentarische Anfragen des RN-Abgeordneten Julien Odoul aus den Jahren 2023 und 2024 zur Jeune Garde Antifasciste herangezogen. Die historische Einordnung des sowjetisch geprägten Antifaschismus folgt der Forschung zu Stalinismus, sowjetischem Staatsantifaschismus und Shoah-Erinnerung, unter anderem Anne Applebaum sowie Kata Bohus, Peter Hallama und Stephan Stach. „Antifaschistischer Schutzwall“ war die offizielle DDR-Bezeichnung der Berliner Mauer. Die Einordnung des heutigen Russland als faschistisch folgt einer bestehenden Strömung der Faschismus- und Russlandforschung; der Text bezieht in dieser Fachdebatte ausdrücklich Position.