Ein Imperium, das sich nicht mehr ausdehnen kann, hört deshalb nicht auf, Druck zu erzeugen. Es sucht sich nur ein neues Ventil.
1904 war Russland nach Westen und Süden bereits an seine Grenzen gestoßen. Der Krim-Krieg hatte die Ambitionen gegen die Osmanen beendet, London hatte unmissverständlich gemacht, dass Indien und Afghanistan tabu bleiben. Was übrig blieb, war der Osten, und dort verhielt sich das Zarenreich wie ein Schakal am Katzentisch der Kolonialmächte. Gemeinsam mit Frankreich und Deutschland zwang es Japan 1895, die gerade eroberte Halbinsel Liaodong wieder herzugeben, nur um sich diese Beute drei Jahre später von einem geschwächten China selbst als „Pacht“ zu sichern: Port Arthur, den Hafen Dalian, eine Eisenbahnlinie quer durch die Mandschurei. Ein Vertrag von 1902 verpflichtete Russland zum Truppenabzug aus der Mandschurei. Petersburg unterschrieb und blieb. Als China auf Erfüllung bestand, verlangte Russland stattdessen, die Mandschurei für jeden anderen ausländischen Handel zu sperren. Parallel dazu tarnten sich russische Soldaten in Korea als Angestellte einer Holzkonzession und begannen, Befestigungen zu bauen, näher an Japan, als Tokio bereit war zu tolerieren.
Das war Methode, und die Methode hatte einen innenpolitischen Grund. Am Zarenhof kursierte, dem Innenminister Wjatscheslaw von Plehve zugeschrieben, der Satz, das Land brauche einen kleinen, siegreichen Krieg, um eine Revolution zu verhindern. Ob er ihn tatsächlich so formuliert hat, ist umstritten. Dass diese Logik die Politik des Hofes trug, ist es nicht. Sozialer Neid, dem die Wittschen Wirtschaftsreformen gerade erst Nahrung gegeben hatten, ließ sich nicht mit Polizeigewalt eindämmen, ohne die Wirtschaft gleich mit zu ersticken. Also musste die Energie nach außen. Japan war klein, kaum bekannt, und der Zar persönlich trug seit 1891 einen Groll, seit ihn in Japan ein Polizist grundlos mit dem Säbel am Kopf verletzt hatte. Petersburg nannte die Japaner öffentlich „Affen“ und rechnete mit einem Sieg binnen einer Woche.
Es kam umgekehrt, und zwar systematisch. Die eigentliche Berufsarmee, fast eine Million Mann, blieb in den Kasernen der europäischen Reichshälfte – nicht um Japan zu schlagen, sondern um im Ernstfall die eigene Bevölkerung niederzuschlagen. An die Front im Fernen Osten gingen zuerst die Reservisten aus den ärmsten, am wenigsten „russischen“ Provinzen des Reichs. Im sibirischen Fernen Osten stellten ukrainische Siedler in Teilen der Region bereits einen großen Teil der Bevölkerung; von dort kamen die ersten Bataillone. Wochenlang rollten sie über eine einspurige, hastig gebaute Bahnlinie mit vier Zügen pro Tag in jede Richtung, ruinierten sich aus Langeweile am Schnaps, schossen auf Kühe und gelegentlich auf die eigenen Offiziere und trafen erschöpft, betrunken und mit veralteter Ausrüstung auf eine Armee, die in England und Deutschland gründlich ausgebildet worden war. Admiral Tōgō Heihachirō, der Russland später bei Tsushima vernichtete, hatte Jahre in England studiert und sein Tagebuch auf Englisch geführt. Von Hinterlist beim japanischen Angriff auf Port Arthur konnte keine Rede sein: Tokio hatte die diplomatischen Beziehungen vorher abgebrochen, damals wie heute ein unmissverständliches Signal. Petersburg hatte es überhört, weil es nicht damit rechnete, dass die eigene Verachtung erwidert werden könnte.
Was folgte, war eine Serie von Niederlagen, die sich in ihrer Regelmäßigkeit kaum noch als Pech beschreiben lässt. Port Arthur fiel nach zäher Verteidigung. Bei Mukden brach eine ganze Armee in panischer Flucht auseinander, sobald das Gerücht kursierte, die Flanken seien umgangen. Und dann Tsushima: Von acht russischen Schlachtschiffen sanken sechs, zwei ergaben sich. Von fünfzehntausend Mann Besatzung starben rund fünftausend, sechstausend gingen in Gefangenschaft. Auf japanischer Seite: 117 Tote. In diesem Verhältnis stirbt keine Flotte. Darin stirbt eine imperiale Gewissheit, die nie mehr war als eine unbewiesene Behauptung.
Auf Sachalin, wo Russland die Verteidigung aus Strafgefangenen improvisierte, kapitulierte der Süden nach neun, der Norden nach sieben Tagen – auf einer Fläche von der Größenordnung der heute von Russland besetzten ukrainischen Gebiete, dichter Taiga-Wald inklusive, in dem sich jahrelang hätte kämpfen lassen. Wer nichts zu verlieren hat außer der eigenen Haftstrafe, verteidigt kein Territorium.
Der Krieg, der die Revolution verhindern sollte, lieferte ihr stattdessen ihr erstes großes Fanal: Blutsonntag, Meutereien, ein Vielvölkerreich, das zum ersten Mal spürte, dass Angst allein keine Regierungsform ist. Gerettet wurde, was zu retten war, nicht durch die eigene Armee, sondern durch einen Verhandler mit deutschen Wurzeln namens Sergei Witte, der in Portsmouth unter amerikanischer Vermittlung eine Kriegsentschädigung in Milliardenhöhe und den Verlust ganz Sachalins abwendete – wofür ihn Petersburg mit dem Spottnamen „Graf Halbsachalin“ belohnte. Die eigentlichen Nutznießer saßen nicht auf der Verliererseite dieses Verhandlungstisches. Amerika trat als neutraler Makler auf und schnitt sich aus den Wirtschaftskonzessionen zweier erschöpfter Reiche die eigenen Claims in Ostasien heraus. Es ist ein Muster, das sich zuverlässig wiederholt, sobald Russland wieder glaubt, einen kleinen, kontrollierbaren Krieg gefunden zu haben: Am Verhandlungstisch über das, was von der Beute übrig bleibt, sitzt am Ende, wer klug genug war, gar nicht erst mitzukämpfen. Russland verliert dort ein zweites Mal.
Quellen und Einordnung: Der Artikel basiert auf der etablierten Forschung zum Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 und seiner Vorgeschichte: der Triple-Intervention von Russland, Frankreich und Deutschland gegen Japan 1895, der russischen Expansion in der Mandschurei, der Vereinbarung mit China von 1902 über den stufenweisen russischen Truppenabzug sowie den russischen Konzessions- und Militäraktivitäten in Korea 1903/04. Die Angaben zu Port Arthur, Mukden, Tsushima und zur Einnahme Sachalins folgen den in der internationalen Militärgeschichtsschreibung üblichen Verlust-, Gefangenen- und Kapitulationszahlen. Für den Frieden von Portsmouth 1905 wurden die Vertragsbedingungen, die Vermittlung durch die Vereinigten Staaten und Sergei Wittes Verhandlungsführung zugrunde gelegt. Die Angaben zur ukrainischen Besiedlung von Teilen des russischen Fernen Ostens stützen sich auf demografische Untersuchungen zur Siedlungsbewegung im sogenannten Grünen Keil (Zelenyj Klyn), insbesondere in der Region Primorje um die Jahrhundertwende.