Russland im Nebel: Ein Imperium ohne Kern

2026-02-09

Identität ist simpel. Russland braucht sie kompliziert, sonst fällt sofort auf, wie leer dieses Gebilde wirklich ist. Nebel ist dort kein Wetter, sondern Methode. Je dichter er wird, desto leichter lassen sich Geschichte, Machtfantasien, Kränkungen und alte Imperiumstriebe darin verstecken. Über Jahrhunderte hat Russland gelernt, Identitäten nicht zu zerstören, sondern weichzukneten, bis niemand mehr erkennt, was echt war und was nur russisches Etikett.

Das Zarenreich arbeitete mit Kategorien statt Kugeln. Menschen bekamen nicht Namen, sondern Zustände. Ein Volk wurde zu „Kleinrussen“, eine Sprache zum Dialekt, eine Kultur zur hübschen Folklore, und Herkunft zu einer Fußnote im eigenen Land. Verwaltung nannte man das. In Wahrheit war es die Trockenlegung von Identität – schleichend, effizient, ohne Blut, aber mit derselben Wirkung.

Die Sowjetunion machte daraus ein politisches Betriebssystem. Man ließ Identität zu, solange sie keine Bedeutung entwickelte. Flaggen, Hymnen, Tänze – alles erlaubt, solange es ungefährlich blieb. Wer zu viel Profil bekam, wurde auf die Größe einer ethnografischen Randnotiz zurückgestutzt. Identität durfte existieren, aber nur als Dekoration in einem System, das alles schluckt, was zu groß wird.

Russland heute ist dieselbe Maschine, nur ohne den sowjetischen Lack. Wieder dieses Eigentumsdenken: Identität als Ressource, nicht als Selbstbeschreibung. Russland fragt nie „Wer seid ihr?“. Russland fragt: „Wozu gehört ihr?“. Und die Antwort ist immer die gleiche: zu uns, weil wir es sagen. Sobald jemand Klarheit über sich selbst formuliert, gerät der ganze Apparat ins Keuchen. Nicht wegen Grenzen oder Politik. Wegen etwas Grundsätzlicherem: Russlands Identität hält nicht ohne Fremdmaterial.

Russland verhält sich wie ein Kollektivwesen ohne eigenen Kern. Alles, was ihm begegnet, wird eingesogen, geglättet, neu etikettiert, bis die Herkunft kaum noch erkennbar ist. Nicht aus Stärke, sondern aus Angst vor der Leere im Zentrum. Ein System ohne eigene Form braucht ständige Assimilation. Es definiert sich nicht über sich selbst, sondern über das, was es verschluckt.

Deshalb die Obsession mit der Ukraine. Nicht, weil sie Feind wäre. Sondern weil sie das erste große Objekt ist, das sich semantisch nicht mehr zerlegen lässt. Dort liegt die russische Werkstatt offen: Umbenennen, Verkleinern, Verdünnen, Abschleifen. Jahrzehntelang hat Russland behauptet, dieser Raum sei sein eigener. Als die Selbstbeschreibung klar wurde, schrumpfte Russland sichtbar – weil der Nebel nicht mehr hielt.

Russische Narrative geraten in Panik, sobald Begriffe fest werden. „Ein Volk“, „ein Raum“, „gemeinsame Geschichte“ sind keine historischen Aussagen. Es sind Sicherheitsdecken. Unter ihnen liegt keine große Kultur, keine Linie, keine Tiefe. Nur eine Liste fremder Identitäten, auf denen „russisch“ vermerkt wurde.

Der Westen bemerkt das spät, weil er Identität verwaltet. Russland beherrscht Bedeutungen. Darum sickern russische Begriffe in Debatten ein, bevor klar wird, dass man damit bereits Teil des Systems geworden ist.

Russlands Identität funktioniert nur durch Kontrolle. Ohne Kontrolle bleibt wenig übrig: keine einheitliche Sprache, keine konsistente Geschichte, keine Kultur, die ohne Expansion überlebt. Russland nennt sich Zentrum, weil es ohne Peripherie leer wäre. Ein Staat, der sich aus dem Material anderer formt, hat keine Identität – er hat Hunger.

Ein Imperium, das seine Größe aus der Unschärfe anderer bezieht, zerbricht an Klarheit. Sobald jemand sagt, was er ist, kann Russland nicht mehr bestimmen, was er angeblich war. Dann steht Macht nackt da.

Am Ende, wenn der Nebel verschwindet, bleibt ein System, das seinen Schatten für Geschichte hielt – und vergaß, dass Schatten nur existieren, wenn etwas anderes Licht wirft.

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Quellen und Einordnung:

Die Analyse stützt sich auf historisch belegte Praktiken russischer und sowjetischer Sprach- und Identitätspolitik (z. B. Waluev-Zirkular, Ems-Erlass, Repressionen gegen ukrainische Eliten), auf bekannte Mechanismen der sowjetischen Nationalitätenverwaltung sowie auf die heutige offizielle Kreml-Ideologie („ein Volk“, „historisches Russland“, „russkij mir“). Die Ukraine dient hier als Beispiel dafür, wo diese imperiale Methode erstmals sichtbar bricht.

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