Orwell starb – und Russland blieb im Stall zurück

2026-01-26

1950 starb ein britischer Schriftsteller, der nie vorhatte, Prophet zu werden. Aber Russland braucht keinen Propheten. Russland braucht nur einen Spiegel. Orwell hat ihn hingehalten – und das System hat hineingeschaut und beschlossen, genau so zu werden, wie er es beschrieben hat. Heute nennt man Putins Dauerlügen „reiner Orwell“, als wäre das ein Kompliment. In Wahrheit ist es das Eingeständnis eines Landes, das nicht in einer Dystopie lebt, sondern eine nachbaut.

Die Sowjetunion behandelte Orwells Bücher wie radioaktives Material. Besitz war „Subversion“. Lesen war „westliche Feindarbeit“. Und trotzdem wanderten die Texte nachts von Wohnung zu Wohnung, wie geschmuggelte Medikamente gegen geistige Taubheit. Die Menschen lasen sie im Flüsterton, gaben sie weiter, verschwanden in der Dunkelheit – und wachten am nächsten Morgen auf mit dem Gefühl, zum ersten Mal seit Jahren klar zu sehen. Sobald man weiß, wie Macht lügt, wirkt jede Lüge lauter.

Nur: Die schärfste Vorlage für Orwells totalitäre Welt kam nicht aus London. Sie kam aus der Ukraine. Jahrzehnte vor Animal Farm schrieb Mykola Kostomarow eine Satire über einen Viehaufstand. Ein Text, der harmlos klingt, aber das russische Revolutionsgenom präziser trifft als alles, was später aus Moskau selbst kam. Kostomarow kannte die russische Psyche nicht als Beobachter, sondern als jemand, der sie am eigenen Körper ertragen musste. Verhaftet, isoliert, zensiert, verbrannt. Russland bekämpft Denker nicht, weil sie falsch liegen – sondern weil sie Recht haben.

Sein Stall war Russland im Rohzustand: ein brüllender Bulle, der Revolution predigt, weil er sich in seinem eigenen Echo gefällt; Schweine, die „Freiheit“ rufen und eigentlich nur Futter wollen; Ziegen, die jeden Unsinn nachplappern, solange er nach Aufstand klingt; Pferde, die alles tragen, alles erdulden, alles verlieren – und am Ende entsorgt werden wie stumpfe Werkzeuge. Man muss nur Wände um diesen Stall ziehen, ein paar Uniformen hineinsetzen – und man landet im russischen 20. Jahrhundert. Kostomarow schrieb das 1880 und beschrieb damit ein Land, das seine Revolutionen liebt, solange jemand anderes den Preis bezahlt.

Orwell sah denselben Mechanismus, nur unter moderner Beleuchtung. In Spanien beobachtete er sowjetische Kader, die ihre eigenen Verbündeten bekämpften, weil Loyalität dort immer der Ideologie gilt, nie dem Menschen. Und er verstand: Eine Revolution, die ihre Kinder frisst, ist kein politischer Vorgang – sie ist Hunger. Ein Hunger, der nie satt wird.

Animal Farm ist deshalb so simpel geschrieben, weil sie universal funktionieren sollte. Aber sie funktioniert nirgends so präzise wie in Russland. Orwell dachte, er schreibe eine Allegorie. Russland las es als Handbuch.

Säubere die Geschichte.
Erkläre Kritikern, dass sie verrückt sind.
Ersetze Wahrheit durch Parole.
Lass die Tiere arbeiten, bis sie zusammenbrechen.
Zieh ins Haus des Farmers – und behaupte, du wärst immer noch einer von ihnen.

Das Ergebnis kennen wir.

Der Stall, den Kostomarow entwarf, und die Farm, die Orwell zeichnete, sind keine zwei Geschichten – es sind zwei Datenpunkte derselben politischen Biologie. Russland hat über Jahrhunderte jede politische Form ausprobiert und keine verstanden. Zar, Sowjet, Föderation – alles Kostüme. Die Mechanik bleibt identisch: ein Führer, der Kritik zu Verrat erklärt; ein Propagandaapparat, der jeden Tag die Regeln neu schreibt; ein Volk, das Verzicht für Tugend hält und Freiheit für Luxus.

Das Peinliche ist: Die Parallelen sind so offensichtlich, dass man fast Mitleid haben könnte – wenn Russland nicht gleichzeitig ganze Städte zerlegt. Schweine setzen sich ins Haus, tragen die Kleidung des Farmers, trinken seinen Alkohol, und wenn die Tiere draußen durchs Fenster schauen, erkennen sie keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Schwein. Orwell schrieb das als Warnung. Russland nutzte es als Betriebsanleitung.

Boxer, das treue Arbeitspferd, hätte heute ein „Z“ auf der Flanke und würde sagen: „Ich arbeite härter.“ Und der Staat würde ihn verkaufen, sobald er nicht mehr zieht. Nicht aus Bosheit – aus Prinzip. Russland ist keine unterdrückte Gesellschaft. Russland ist eine Gesellschaft, die sich selbst unterdrückt und daraus Identität formt.

Deshalb altern Orwells Texte nicht. Russland wechselt die Fahnenfarben, niemals die Logik. Jeder neue Führer ist eine Variation derselben Figur: ein Herrscher, der so tut, als wäre er einer von ihnen, während er längst im Herrenhaus wohnt. Jeder neue Propagandist ist eine Mutation desselben Squealers, der gestern die Regeln an die Scheune schrieb und heute behauptet, sie wären nie anders gewesen.

Orwell starb 1950.
Kostomarow starb im Exil.
Und Russland lebt weiter in einem Buch, das es nie verstanden hat – weil es sich darin zu gut wiedererkennt.

────────────

Quellen und Einordnung:

Die satirischen Elemente gehen auf Mykola Kostomarows „Tieraufstand“ (1880) sowie auf Orwells eigene Beschreibungen totalitärer Systeme zurück. Die sowjetische Einstufung von Orwell als „ideologisch schädlich“ ist gut dokumentiert. Die Parallelen zwischen Kostomarows Text und Animal Farm sind in Aufbau und Motivik auffällig und werden in Teilen der Forschung diskutiert, auch wenn ein direkter Einfluss nicht abschließend belegt ist. Die Bezüge zur heutigen russischen Politik ergeben sich aus öffentlich beobachtbaren Kommunikationsmustern.

Im selben Denkpfad

Russland – Totengräber fremder Kulturen
Russland – Totengräber fremder Kulturen

Russland nennt sich Kulturnation – doch in Wahrheit hat es mehr Stimmen ausgelöscht als hervorgebracht. Was sich nicht russifizieren ließ, wurde verdrängt, verboten, vernichtet: ukrainische Bücher, jüdische Schulen, tatarische Lieder. Vom Zarenreich bis heute folgt das Imperium einer Logik: Nur das Russische zählt. Der Rest – wird zum Schweigen gebracht.

2025-04-18

Querverbindungen

Nach dem Frieden wird’s schlimmer
Nach dem Frieden wird’s schlimmer

Ein Vertrag beendet den Lärm, nicht den Krieg. Russland wechselt vom Militär zur Zersetzung. Die Stille wirkt wie Frieden – ist aber der Start der nächsten Offensive.

2025-12-15