Moldau steigt aus der GUS aus. Kein Drama. Kein Donner. Kein geopolitischer Showdown. Ein Verwaltungsakt – und doch trifft er Russland wie ein Stromausfall, der erst bemerkt wird, wenn das Licht nicht zurückkommt. So endet ein Projekt, das sich selbst größer geredet hat, als es je war.
Die GUS ist nie Staat gewesen, nie Bündnis, nie Zukunft. Sie ist der Versuch gewesen, aus sowjetischem Schutt ein Gerüst zu bauen, das Stabilität vorspielt, während alle Beteiligten in unterschiedliche Richtungen ziehen. Russland hat sie jahrelang behandelt wie eine Art Zwischenwelt, einen politischen Flur, in dem die Türen nach Westen zu und die Türen nach Moskau automatisch aufgehen sollten. Nur dass niemand mehr durchgeht.
Der Fehler liegt nicht bei Moldau. Der Fehler liegt in Moskaus Annahme, dass die Region nur wartet. Dass die Staaten, die sich von der Sowjetunion befreit haben, jetzt freiwillig in die Warteschlange zurückkehren, um sich erneut einzureihen. Diese Selbsttäuschung zieht sich seit dreißig Jahren durch die russische Außenpolitik: Einfluss wird behauptet, nicht gelebt. Und je öfter Russland behauptet, desto schneller bricht der Einfluss weg.
Die Geschichte der GUS ist eine Liste von Fluchtwegen. Georgien trat ein, als die politische Lage wechselte, und verließ die Organisation, als Russland 2008 in das Land marschierte. Kein einziger Mitgliedsstaat fand damals die Stimme, Moskau zu widersprechen. Damit war klar, was die GUS wirklich ist: kein Schutzraum, kein politisches Dach, sondern ein leerer Rahmen, der sich autoritär beugt, sobald Russland hustet.
Die Ukraine wiederum war nie drin, nicht wirklich. Sie unterschrieb Formalien, ratifizierte nichts und hielt Sicherheitsabstand. Moskau tat so, als sei das eine temporäre Laune, eine Unentschlossenheit, die sich irgendwann korrigieren ließe. Aus dieser Fehleinschätzung wuchs die Katastrophe: Krim. Donbas. Und der großangelegte Krieg, der seit fast vier Jahren alles zerschneidet, was Russland als Einflussraum verkaufen will.
Während Russland sich selbst als Stabilitätsanker zeichnet, bleibt es im eigenen Krieg stecken. Und jedes zusätzliche Kriegsjahr frisst eine weitere Schicht des russischen Einflusses weg. Kein Staat im postsowjetischen Raum sieht heute in Moskau einen Garant für irgendetwas. Man sieht Instabilität. Man sieht Überforderung. Man sieht einen Staat, der versucht, Eurasien zu ordnen, während er nicht einmal seine eigenen Linien halten kann.
Und genau in dieser Leerstelle bewegt sich Moldau. Nicht nach Osten, nicht nach Westen, sondern aus dem Zwischenraum heraus. Die EU-Beitrittsgespräche sind geöffnet. Die Option ist real. Und wer die Wahl hat zwischen einem System mit Regeln und einem System, das seit Jahren nur mit Gewalt aufrechterhalten wird, entscheidet sich nicht für die Seite, die brennt.
Russlands Problem beginnt nicht mit Moldau. Moldau zeigt nur, was längst passiert: Der postsowjetische Raum existiert nur noch als Gewohnheit. Als Begriff. Als rhetorisches Werkzeug. Politisch ist er längst zersplittert. Armenien sucht Sicherheit nicht mehr in Moskau, sondern in neuen Formaten. Aserbaidschan handelt nach eigenen Regeln. Zentralasien verschiebt sich Richtung China, ohne Russland überhaupt noch einzubeziehen. Die Region rotiert – und der alte Mittelpunkt fehlt.
Russland reagiert darauf nicht mit Anpassung, sondern mit Wiederholung. Mit Beschwörung. Mit historischen Floskeln, die irgendwann die Realität ersetzen sollen. Aber Realität ist stur. Sie folgt nicht der Nostalgie eines Staates, der glaubt, dass Macht dadurch entsteht, dass man sie behauptet. Die GUS bröckelt nicht, weil Staaten illoyal sind. Sie bröckelt, weil Russland keine Substanz mehr liefert, an die man sich anbinden könnte.
Moldau macht also das Naheliegende: Es geht. Ohne Pathos. Ohne Feindschaft. Ohne die Dramaturgie, die Moskau so dringend bräuchte, um den Austritt als Verrat zu inszenieren. Ein Staat verlässt eine Struktur, die ihm nichts mehr nützt. Nicht mehr, nicht weniger.
Wenn Russland in diesem Moment so verletzt wirkt, dann, weil Moldau etwas offenlegt, das Russland seit Jahren verdeckt: Dass die Macht, die es vorgibt zu haben, nicht auf Zustimmung beruht, sondern auf Gewohnheit. Und Gewohnheit bricht schneller, als Systeme zerfallen.
Die GUS lebt nur noch auf Papier. Russland lebt in der Vorstellung, sie ließe sich auf Dauer halten. Die Region lebt längst woanders.
Am Ende bleibt kein Verrat, kein Riss, kein geopolitisches Erdbeben. Nur ein Staat, der weitergeht – und ein anderes, das merkt, dass niemand mehr stehenbleibt, wenn es ruft.
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Quellen und Einordnung:
Die Einschätzungen basieren auf offiziellen Entscheidungen der Republik Moldau zum Austritt aus der GUS, den öffentlichen Positionen der EU-Kommission zu den Beitrittsgesprächen mit Moldau und der Ukraine, sowie auf internationalen Berichten zur sicherheitspolitischen Distanzierung Georgiens, Armeniens und der zentralasiatischen Staaten von Russland. Ergänzend fließen Analysen aus der russischen und postsowjetischen Presse ein, die den zunehmenden Einflussverlust Moskaus seit Beginn des großangelegten Krieges gegen die Ukraine dokumentieren.

