Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, Russland und Ukraine seien historische Geschwister: gleiche Wurzeln, gleiche Menschen, gleiche Kultur, getrennt nur durch die Politik. Ein Märchen, das so tief sitzt, dass viele gar nicht merken, wie widersprüchlich es ist. Der erste russische Nobelpreisträger, Iwan Bunin, hat dieses Märchen schon vor über hundert Jahren zerlegt – nicht aus Patriotismus, nicht aus Ideologie, sondern weil er das getan hat, was Russland selbst bis heute meidet: Er hat hingeschaut.
Iwan Bunin reist im späten 19. Jahrhundert durch die Ukraine und sieht etwas, das nicht in den imperialen Rahmen passt: Menschen mit Haltung. Starke Körper, klare Blicke, saubere Kleidung, eine ruhige Selbstsicherheit, die nicht gespielt ist. Kein gebücktes Elend, kein ständiger Defektmodus. Für ihn war sofort sichtbar, dass dieses Land eine eigene Struktur hat – sozial, kulturell, mental. Ein Ort, der sich ohne imperialen Überbau definieren konnte.
Über Russland beschreibt er im selben Zeitraum eine völlig andere Welt. Bauern, deren Gesichter vom Überleben geformt sind, nicht vom Leben. Ausgemergelte Körper, verwilderte Haare, diese Mischung aus Müdigkeit und plötzlicher Brutalität, die er später als „instinktiven Verbrecher“ beschreibt. Nicht als moralische Wertung, sondern als Beobachtung: Ein System, das in ruhigen Zeiten seine eigenen Leute in Gefängnisse sperrt – und in unruhigen Zeiten von ihnen überrannt wird. Für Iwan Bunin war das keine soziale Schwäche. Es war ein Muster. Russland hielt seine Bevölkerung klein und feierte sie dann als „Volk“, sobald sie im Chaos funktionierte. Was er hier beschreibt, ist kein Zufall und kein Einzelfall – es ist ein Mechanismus: ein Staat, der seine Stabilität aus der Unreife seiner eigenen Gesellschaft zieht.
Er selbst erlebt, wie dieses Muster aussieht. Als Gutsbesitzer wird er in revolutionären Zeiten fast von seinen eigenen Dorfbewohnern in ein Feuer geworfen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus jener impulsiven Wut, die entsteht, wenn der Staat kurz nicht hinschaut. Dieselben Leute, die morgens demütig grüßen, stehen abends mit Fackeln vor der Tür. Genau diese Mischung – Apathie, Aberglaube, Gewalt – beschreibt Iwan Bunin als Grundstruktur des Imperiums. Nicht als Ausreißer, sondern als Wiederholungsschleife. Ein Land, das nur zwei Aggregatzustände kennt: Unterwerfung oder Explosion. Dazwischen existiert es nicht.
In den Eliten sieht er nichts anderes. Die Moskauer Oberschicht wirkt auf ihn wie ein Labor für moralische Erosion: geistige Schaumschläger, zynische Posen, totale Selbstüberschätzung. Menschen, die glauben, sie seien der „Vordenkerstand“ eines neuen Russlands, während sie nicht einmal das eigene Innenleben im Griff haben. „Halbtrockene Moskauer“ nennt er sie. Ein harter Ausdruck – aber er trifft. Iwan Bunin zeigt ein Russland, das intellektuell glänzen will und gleichzeitig in sich selbst zerfällt: ein Land, das Modernität spielt und in der gleichen Bewegung beweist, dass es sie nicht tragen kann.
Und genau hier beginnt die eigentliche Sprengkraft: Iwan Bunin beschreibt die Ukraine nicht als Teil dieses Verfalls. Nicht als Unterkapitel der russischen Geschichte, nicht als lose Provinz. Er beschreibt etwas Eigenes. Etwas, das Russland nur geografisch, aber nie kulturell besessen hat. Er schreibt über die Kleidung, die Stimmen, die Häuser, die Lieder – nicht, weil er Folklore mochte, sondern weil er spürte, dass dieses Land eine eigene Zivilisationslinie zieht. Er lernt Ukrainisch, übersetzt Shevchenko und sagt, kein Grab habe ihn so bewegt wie das des ukrainischen Dichters. Für einen russischen Autor war das keine Romantik, sondern Blasphemie: Er bestätigte, was das Imperium bis heute leugnet – dass die Ukraine nicht die Variation eines russischen Grundtons ist, sondern ein eigener musikalischer Satz.
Historisch lässt sich das problemlos belegen. Die Ukraine hatte vor der russischen Herrschaft eine hohe Alphabetisierungsrate, organisierte Lokalverwaltungen, funktionierende Rechtsstrukturen. In vielen Regionen konnten über die Hälfte der Menschen lesen und schreiben – europäische Spitzenwerte. Unter Russland sank der Wert bis zur Volkszählung 1897 auf 15 Prozent. Das ist keine „gemeinsame Kultur“. Das ist Absicht. Dasselbe Muster zeigt sich wirtschaftlich: Wo früher ukrainische Grundbesitzer dominierten, übernahmen im 19. Jahrhundert russifizierte oder imperiale Eliten fast alles. Die soziale Verarmung war kein Zufall – sie war Werkzeug. Ein Imperium, das sich nur stabilisiert, wenn es andere schwächt, kann keine Partnerschaft hervorbringen. Nur Abhängigkeit.
Auch die berühmte „Sibirien-Besiedlung“ bestätigt Iwan Bunins Diagnose: Russland versprach Land, Wohlstand, Zukunft. Die Realität war Sumpf, Kälte, Unfruchtbarkeit. Viele wollten zurück, viele wurden mit Lügen über angeblich zerstörte Heimatdörfer festgehalten. Ein Imperium, das Expansion über Täuschung betreibt, hat nichts „Gemeinsames“ geschaffen, sondern nur Menschen verschoben wie Material. Das ist keine Kolonisation – das ist eine Verwaltungsform der Verwüstung.
Iwan Bunins Beobachtungen sind deshalb nicht einfach Literatur, sondern ein Archiv der Unterschiede, die Russland bis heute wegredet. Wer seine Texte liest, merkt schnell: Das Imperium hat nie verstanden, was vor seinen Augen lag. Es hielt die Ukraine für eine Verlängerung seiner selbst – und übersah, dass es in Wirklichkeit der erste Außenposten war, an dem seine eigene Fassade bröckelte. Bunin beschreibt kein „gemeinsames Erbe“. Er beschreibt eine Grenze, die Russland nicht wahrhaben wollte, weil sie die größte Schwäche offenlegte: dass das eigene Modell nur funktioniert, solange niemand es vergleicht.
Wer diesen Vergleich zulässt, sieht, was Iwan Bunin sah. Zwei Länder, zwei Kulturen, zwei historische Rhythmen. Eine Linie, die nie verwischt wurde – außer in den Träumen eines Reiches, das seine Nachbarn brauchte, um sich selbst zu erklären. Und genau deshalb erzählt Russland bis heute dieselbe Geschichte: nicht weil sie stimmt, sondern weil es ohne sie nichts mehr hätte, was noch zusammenhält.
────────────
Quellen und Einordnung:
Die Aussagen im Text basieren auf Tagebüchern, Essays und Notizen von Iwan Bunin („Das Dorf“, „Verfluchte Tage“, Reiseaufzeichnungen 1880–1890). Seine Beschreibungen der sozialen Unterschiede zwischen russischen und ukrainischen Regionen sind vollständig dokumentiert. Die Angaben zur Alphabetisierung und zur sozialen Lage stützen sich auf die Volkszählung des Russischen Reiches von 1897 sowie auf historische Schätzungen zur Bildung im Hetmanat. Die wirtschaftliche Russifizierung ukrainischer Gebiete und die Siedlungspolitik in Sibirien sind in der Forschung breit belegt. Der Artikel fasst diese Quellen zusammen und ordnet sie historisch ein.

