Die Moral eines Landes zeigt sich daran, wen es aufhängt

2026-01-19

Man muss Russland nicht dämonisieren, um es zu verstehen. Man muss nur zuhören, wie seine eigene Geschichte sich selbst widerspricht. Das 16. Jahrhundert reicht völlig: ein Zar, der sein Land vierzig Jahre lang wie ein Folterlabor betrieb – und ein Volk, das ihn nicht nur ertrug, sondern bis heute feiert. Nicht beschämt, nicht heimlich, sondern mit stolz geschwellter Brust. Genau in dieser Verkehrung – Täter vergöttert, Verteidiger entsorgt – liegt die Grundmelodie russischer Staatskultur.

Iwan der Schreckliche: schon der Name ist geschönt. Der Mann verlor Kriege, setzte Städte in Brand, fraß ganze Regionen leer und verwandelte Moskau in einen Angstkäfig. Er floh vor den Krimtataren wie vor einem aufgescheuchten Hund, ruinierte die Wirtschaft, demütigte seine eigenen Untertanen – und trotzdem gilt er bis heute als „starker Führer“. In Russland muss Macht weh tun, sonst hält man sie für Deko. Gewalt wird nicht als Versagen gesehen, sondern als Beweis von Größe. Die Folterbank ersetzt die Staatsphilosophie.

Und mitten in diesem Irrenhaus steht einer, der das nicht hinnehmen wollte: Metropolit Philipp Kolitschow. Ein Geistlicher, aber vor allem jemand, der die geistige Insolvenz seines Zaren nicht mittragen wollte. Er sagte laut, was alle sahen: dass Iwans Herrschaft ein moralischer Totalschaden war. In jedem anderen Land wäre er zum nationalen Gewissen geworden. In Russland wurde er zum „Filka“ abgestempelt – ein Spinner, ein Störgeräusch. Ein Land, das Moral für Naivität hält, bekommt zuverlässig genau jene Herrscher, die es verdient.

Wie Philipp ermordet wurde, erzählt der Rest der Geschichte von selbst. Erwürgt, weggeschoben, aus dem Gedächtnis radiert. Und die heutige Regierung? Sie beginnt, den Täter zu reinigen. Malyuta Skuratow – der Mann, den nahezu jede Quelle als Vollstrecker der Ermordung nennt und der Iwans Terrorapparat erst möglich machte – wird plötzlich zum unklaren Schatten. Vielleicht war er’s gar nicht. Vielleicht war niemand etwas. Russland liebt dieses „niemand“. Es ist der zuverlässigste Komplize der Gewalt.

Die Opritschnina, Iwans lizenzierte Privatterror-Brigade, war der praktische Testlauf dafür. Männer mit tatarischen Reitermützen, Hundeköpfen am Sattel und einem Gewissen dünn wie Zwieback. Sie standen in Kirchen bedeckt, sie töteten ohne Regung, sie markierten Moskau neu: nicht als Stadt, sondern als Botschaft. Philipp wies sie zurecht – und Iwan reagierte, wie autoritäre Narzissten reagieren: beleidigt, rachsüchtig, bereit zur Vernichtung. Die Frage, die danach im Raum stand, war simpel: Wird das Volk den Mörder verdammen – oder den Ermordeten? Russland entschied sich eindeutig.

Dasselbe Muster taucht beim falschen Dmitrij auf. Wer immer er biologisch war, politisch war er der erste Mensch seit Langem, der Russland wie ein normales Land behandelte. Handel freigegeben. Reisen erlaubt. Wirtschaft geöffnet. Religiöse Engstirnigkeit kritisiert. Er sprach von Freiheit, als wäre sie etwas Natürliches. Und das war sein Fehler. Russland erstickte ihn – buchstäblich und politisch. Nicht, weil er ein Usurpator war, sondern weil er so tat, als könnte Russland ohne Angst funktionieren. Ein Staat, der Freiheit als Angriff versteht, hat keine intellektuelle Allergie – er hat einen Reflex.

Zar Alexander II. – der Befreier der Leibeigenen, der Mann, der ein Drittel seines Volkes aus dem rechtlichen Viehstatus holte – wurde ebenfalls ermordet. Gorbatschow und Jelzin, die ersten Führer, die das Land Richtung Offenheit lenkten, wurden zu nationalen Hassfiguren. Russland beseitigt nicht seine Unterdrücker. Russland beseitigt jene, die versuchen, die Unterdrückung zu beenden. Wer Licht anmacht, stört den Tiefenschlaf.

Und deshalb stehen heute, im 21. Jahrhundert, wieder Denkmäler für Iwan den Schrecklichen. Deshalb reden Politiker in Moskau von „Rehabilitierung“ historischer Täter. Es geht nicht um Geschichte. Es geht um Identität. Ein Land, das seine Henker heroisiert, sagt nicht einfach: „Wir hatten schwierige Zeiten.“ Es sagt: „So mögen wir es.“

Die Vernichtung von Nowgorod – die fast vollständige Auslöschung einer freien Stadt, die Zerstörung ihrer Selbstverwaltung, ihrer Elite, ihrer Identität – war kein Ausrutscher. Sie war ein Prinzip. Dort, wo Freiheit aufblitzt, folgt in Russland traditionell Gewalt. Das ist keine Putinsche Innovation. Das ist die russische Iteration.

Und damit wird der Satz unausweichlich: Russland ist nicht Opfer seiner Herrscher. Es ist ihr Hersteller. Wer seine Reformer tötet und seine Tyrannen bronziert, baut kein Staatswesen – er baut ein Ritual. Philipp, Dmitrij, Alexander II., Gorbatschow, Jelzin: fünf Epochen, fünf Versuche, das Land zu normalisieren. Alle gescheitert. Alle begraben. Und an ihrer Stelle stehen immer neue Ivans, die das Land nicht führen, sondern fixieren.

Putin ist darum nicht der neue Zar. Er ist das neueste Software-Update eines uralten Betriebssystems: Gewalt als Identität, Freiheit als Störung, Unterordnung als Komfortzone. Russland steckt nicht fest, weil es Pech hatte. Es steckt fest, weil es jede Rettungsleine reflexhaft durchschneidet.

Ein Land, das so konsequent gegen seine eigene Zukunft arbeitet, landet nicht zufällig im Autoritarismus. Es landet dort, weil es sich dort am sichersten fühlt. Und genau deshalb dreht Russland im 21. Jahrhundert denselben Kreis wie im 16. – nur die Waffen sind moderner, die Mythen lauter und die Selbstlügen professioneller produziert.

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Quellen und Einordnung:

Die historischen Details sind in der russischen Geschichtsschreibung breit dokumentiert: die Opritschnina, die Ermordung Metropolit Philipps, die Reformpolitik des falschen Dmitrij und die politischen Umstände der Ermordung Alexanders II. Auch russische Historiker wie Karamzin, Kobjrin und Kljutschewski beschreiben dieselben Muster. Die Bewertung folgt der Logik dieser Quellen, nicht einer Meinung.

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