Man erzählt heute gerne, die Sowjetunion habe den Weltraum erobert. Sputnik, Gagarin, Koroljow – die ganze nostalgische Kulisse eines Imperiums, das sich selbst als technologisches Wunder inszenierte. Die Wahrheit ist schlichter und härter: Die Sowjetunion eroberte gar nichts. Sie benutzte ukrainische Wissenschaftler – und vernichtete sie anschließend. Der Mann, der die Grundlagen der Raumfahrt schuf, hieß Heorhij Langemak. Der Mann, der ihn ins Grab stieß, hieß Andrej Kostikow. Langemak erfand Raketenphysik. Kostikow erfand den Stuhl, auf dem er beim Verhör saß.
Langemak wurde 1898 in Starobilsk geboren, Sohn eines Deutschen und einer Schweizerin, sprach mehrere Sprachen, war gebildet, diszipliniert, analytisch. Ein Kopf, der nach oben dachte, nicht nach Moskau. Der ideale Wissenschaftler für ein Jahrhundert, das Mathematik brauchte – und der ideale Feind für ein Regime, das Mathematik für Sabotage hielt. Er diente im Ersten Weltkrieg, war in deutscher Gefangenschaft, kam frei, kehrte in die Ukraine zurück, studierte in Odessa, arbeitete, rechnete, entwickelte Theorien über Triebwerksgeometrien, die später die Grundlage sowjetischer Raketen wurden. Alles, was die Sowjetunion an technischer Moderne besaß, ruhte auf diesen frühen Berechnungen.
Als die Bolschewiki die Ukraine überrollten, wurde Langemak zwangsrekrutiert. Nicht, weil man ihn wollte, sondern weil man ihn brauchte. Bolschewiki konnten vieles nicht: planen, rechnen, führen. Also stellten sie hinter jeden fähigen Menschen jemanden mit Revolver. Falls Expertise sich als Illoyalität tarnen sollte. Angst wurde zum Betriebssystem. Denunziation zum Treibstoff. Wer dachte, stand unter Verdacht. Wer nicht dachte, bekam Posten.
In Leningrad arbeitete Langemak später im Gasdynamischen Laboratorium, dem Zentrum sowjetischer Raketenforschung. Um ihn herum die Namen, die man bis heute mit Gagarin verbindet: Koroljow, Gluschko, Jerschyzkyj. Alles Ukrainer oder ukrainische Juden, die eigentlichen Architekten der sowjetischen „Überlegenheit“. Aber in einem Staat, der Genies als Risiko betrachtet, überlebt nicht der Fähige, sondern der Funktionär.
Dieser Funktionär hieß Kostikow. Technisch unauffällig, politisch hundertprozentig kompatibel. Er verstand Raketen nicht, aber er verstand das Klima: Wer überleben will, schreibt Briefe. Kostikow schrieb zwei, einen an den lokalen Parteikader, einen an das Zentralkomitee. Inhaltlich leer, aber politisch tödlich. Vage Andeutungen, „Symptome“, „Gefühl, dass etwas nicht stimmt“. In Russland reicht das seit Jahrhunderten, um jemanden verschwinden zu lassen. Es ist die einzige Wissenschaft, in der das Reich zuverlässig war: Verfolgung auf Verdacht.
Langemak wurde 1937 verhaftet. Der NKWD arbeitete schnell und ohne Interesse an Wahrheit. Geständnisse konnte man formen, wenn die Knochen brachen. Irgendwann stand seine Unterschrift unter einem Papier, das wahrscheinlich schon existierte, bevor sein Verhör begann. Erste Kategorie. Heißt: nicht diskutieren, nicht verteidigen, nicht überleben. Er wurde 1938 erschossen, anonym verscharrt. Währenddessen übernahm Kostikow das Institut und erklärte sich selbst zum Erfinder der Katjuscha. Der Staat jubelte – nicht, weil er glaubte, sondern weil er nichts anderes kannte als das Beklatschen seiner eigenen Diebstähle.
Im Oktober 1941, als die Deutschen vor Moskau standen, zeigte Kostikow, wie tragfähig seine Führungsqualitäten waren: Er rannte. Ließ Dokumente liegen, ließ das Institut liegen, ließ sogar frische Denunziationen in seinen Schubladen zurück – damit jemand anderes die Schuld tragen konnte. Ein Mann, der weder Raketen verstand noch Verantwortung, überstand die Krise dennoch. Systeme, die auf Angst laufen, schützen ihre Lieferanten.
Parallel dazu saßen Koroljow und Gluschko in Lagern, verhungerten fast oder wurden gefoltert. Der einzige Grund, warum sie überlebten, war der Krieg. Die Sowjetunion brauchte plötzlich Fachwissen. Expertise wurde wieder wertvoll – nicht weil man sie achtete, sondern weil man sie verbrauchen wollte. Ohne Hitler hätte man Koroljow vermutlich erschossen, und der erste Satellit wäre vielleicht nie gestartet. Die sowjetische Raumfahrt wäre in einem Massengrab bei Moskau liegen geblieben.
Langemak wurde erst in den 1950ern rehabilitiert und in den 1990ern posthum geehrt. Das sowjetische Ehrenprinzip ist so konsequent wie absurd: erst erschießen, dann gratulieren. Starobilsk benannte 2016 eine Straße nach ihm. Dann kam die russische Besatzung. Und Russland machte, was Russland immer macht: Es drehte die Zeit zurück. Ein Land ohne Zukunft muss seine Vergangenheit wie eine Tapete über die Leere kleben.
Die Geschichte ist kein Detail, sie ist eine Blaupause. Ein ukrainischer Wissenschaftler baut die Grundlagen der Raumfahrt. Ein russischer Funktionär vernichtet ihn. Das Regime verliert Talent, aber gewinnt Loyalität. Und aus diesem selbstverschuldeten Verlust bastelt man später eine imperiale Legende. Der Staat, der Langemak erschießen ließ, verkauft sich heute als Erbe einer technischen Größe, die ohne die Ukraine gar nicht existiert hätte.
Der Ukrainer schuf die Zukunft. Der Russe schrieb den Verrat. Manchmal ist eine ganze Epoche so einfach zusammenzufassen.
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Quellen und Einordnung:
Die biografischen und historischen Angaben beruhen auf sowjetischen Archivunterlagen, Rehabilitationsakten, Dokumenten des Gasdynamischen Laboratoriums sowie zeitgenössischen Berichten und Memoiren aus der Raketenforschung. Die Darstellung der Repressionen folgt den freigegebenen NKWD-Fallakten und den Beschlüssen der Rehabilitationskommission.

