Eine Sekretärin in einem Bonner Ministerium, Mitte vierzig, allein, zuverlässig. Minister kommen und gehen, sie bleibt. Sie kennt die Ablage, die Terminkalender, die Verteiler, den Ton der Vermerke. Eines Tages lernt sie einen Mann kennen, der zuhört. Er ist charmant, geduldig, manchmal ein wenig traurig. Irgendwann spricht er von Heirat. Und irgendwann fragt er, was sie eigentlich den ganzen Tag so tippt.
Die Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi, jahrzehntelang von Markus Wolf geführt, hat diese Szene nicht erfunden, aber in Serie gefertigt. Ein Schulungspapier der HV A von 1987 nennt Sekretärinnen ausdrücklich als Zielgruppe: Kanzleramt, Bundesministerien, Auswärtiges Amt, BKA. Bevorzugt wurden Frauen, die die Stasi als „isoliert“ und „labil“ einstufte. Auf sie angesetzt wurden die sogenannten Romeos. Die Akten kennen vorgetäuschte Liebe, Heiratsversprechen, sogar inszenierte Trauungen. Manche Frauen glaubten, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten, andere hielten ihren Geliebten für einen Journalisten oder Firmenvertreter. Einige wussten genau, wohin die Papiere gingen, aus Überzeugung oder für Geld.
Das Verfahren war schlicht. Liebe hebt die Regeln auf, nach denen man mit Dienstgeheimnissen umgeht. Wer liebt, macht eine Ausnahme und fühlt sich dabei sogar ein bisschen wichtig. Wer jahrelang geliebt hat, verteidigt hinterher nicht den Führungsoffizier, sondern das Recht, die eigenen Jahre für echt zu halten. Die Methode stahl nicht nur Akten. Sie stahl rückwirkend ein Leben.
Der Lehrmeister saß in Moskau, und wie er über Vertrauen dachte, zeigt Berlin 1955. CIA und MI6 gruben vom amerikanischen Sektor in Rudow einen rund 450 Meter langen Tunnel bis zu den sowjetischen Fernmeldekabeln in Altglienicke. Ab Mai 1955 wurde abgehört, knapp ein Jahr lang, bis die Sowjets den Tunnel im April 1956 „zufällig“ entdeckten. Der KGB kannte das Projekt seit der Planungsphase. Verraten hatte es George Blake, MI6-Offizier im Dienst Moskaus.
Lange galt die Geschichte als westliche Blamage: Die Amerikaner hätten monatelang präparierte Desinformation mitgeschrieben. Die Wirklichkeit ist schlimmer, nur nicht für Washington. Nach Blakes Enttarnung 1961 prüfte die CIA genau diesen Verdacht und kam zu dem Ergebnis, dass das Material echt war. Zehntausende Stunden Telefonate, Truppenstärken, Gliederung und Stationierung sowjetischer Verbände. Der KGB hatte die eigene Armee offenbar nicht gewarnt, weil jede Warnung den Maulwurf gefährdet hätte. Um einen Agenten in London zu schützen, ließ der Geheimdienst die Geheimnisse der eigenen Streitkräfte ein knappes Jahr lang auf amerikanische Tonbänder laufen.
Tschekistische Loyalität gilt nicht dem Land, nicht den Soldaten, nicht einmal dem Staat. Sie gilt dem Apparat und seinen Operationen. Wer nicht zum Apparat gehört, zählt nicht, auch wenn er dieselbe Uniform trägt.
Die Stasi, deren Offiziere sich voller Stolz Tschekisten nannten, wandte diese Logik nach innen. Nach der Schlussakte von Helsinki 1975 wurden offene Repressionen politisch teurer, die Gefängnisse blieben trotzdem in Betrieb. Daneben trat mit der Richtlinie 1/76 die Zersetzung. Rufmord aus wahren und erfundenen, aber glaubwürdigen Details. Organisierte berufliche Misserfolge. Gestreutes Misstrauen, bis Oppositionsgruppen einander für Spitzel hielten und ihre Kraft im gegenseitigen Verdacht verbrannten. Und die Wohnung: der verstellte Wecker, Gegenstände an falschen Orten, das Auto plötzlich in einer anderen Straße, die Tür offen. Wer davon erzählte, klang verrückt. Kein Schuss, keine Anklage, nur ein Mensch, dem niemand mehr glaubt, am Ende nicht einmal er selbst. Viele Betroffene tragen die Folgen bis heute.
Deutschland hat diese Methode in Regalkilometern archiviert und erkennt sie trotzdem schlecht, wenn sie ohne Aktenzeichen auf dem eigenen Telefon auftaucht. Anfang 2024 legte das Auswärtige Amt eine russische Kampagne mit über 50.000 gefälschten Konten auf X offen, die im Kern eine einzige Botschaft verbreiteten: Die Bundesregierung kümmere sich um die Ukraine statt um die eigenen Bürger. Dieselbe Doppelgänger-Struktur, gegen deren Betreiber die EU schon im Juli 2023 Sanktionen verhängt hatte, kopierte Webseiten deutscher Zeitungen.
Die Ukraine erlebt dieselbe Technik täglich. Sie kommt sogar ohne Erfundenes aus, am stärksten wirkt sie aber dort, wo sie an etwas Echtes anknüpfen kann. Korruption gibt es, Fehlentscheidungen gibt es, Erschöpfung gibt es. Wer das leugnet, arbeitet dem Manipulator zu, denn der zeigt dann den echten Fall und hat ausnahmsweise recht. Die Operation beginnt dort, wo aus dem echten Fall ein Schluss gezogen wird, der nicht in ihm steckt: Alle lügen, jede Hilfe versickert, Widerstand ist sinnlos. Ob ein Ukrainer Russland mag, spielt für Moskau keine Rolle. Es reicht, wenn er nicht mehr weiß, wozu er sich verteidigt.
Was danach kommt, ist dokumentiert. Das UN-Menschenrechtsbüro beschrieb im März 2024 für die besetzten Gebiete willkürliche Festnahmen, Folter, Tötungen, Zwang. Wo Russland niemanden mehr überzeugen muss, verhaftet es. Der Weg dorthin ist alt und hat Ortsnamen. In Sandarmoch in Karelien erschoss der NKWD 1937 und 1938 Tausende Menschen, unter ihnen den Theatermacher Les Kurbas und den Dichter Mykola Serow. Zuerst sollen alle glauben, dass alle lügen. Dann, dass sich nichts ändern lässt. Danach braucht es keinen Romeo mehr und keinen verstellten Wecker.
Im Lager gibt es Essen nach Plan, und die Kleidung ist umsonst.
Quellen und Einordnung: Der Text stützt sich auf Veröffentlichungen des Stasi-Unterlagen-Archivs im Bundesarchiv, darunter ein Schulungsdokument der HV A von 1987 zur Anwerbung von Sekretärinnen, sowie auf die Richtlinie 1/76 des Ministeriums für Staatssicherheit zur Zersetzung. Die Angaben zur Operation Gold folgen der CIA-Geschichte des Berliner Tunnels und der Forschung auf Grundlage freigegebener Akten, nach der das abgehörte Material echt war. Die Doppelgänger-Kampagne ist durch die Analyse des Auswärtigen Amts vom Januar 2024 und die Sanktionsbeschlüsse des Rates der EU vom Juli 2023 belegt. Die Lage in den besetzten Gebieten folgt dem Bericht des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte vom März 2024, die Angaben zu Sandarmoch der Dokumentation der Gesellschaft Memorial.