Es gibt geopolitische Momente, die wirken wie ein Witz, den keiner erzählen wollte. Venezuela ist jetzt einer davon. Nicht weil die USA plötzlich besonders kreativ geworden wären. Sondern weil diese Operation zeigt, was der Kreml seit zwei Jahren verzweifelt überschminkt: Russland ist global bewegungsunfähig. Kein Einfluss, keine Reaktion, kein Spielraum. Die Ukraine hat den gesamten Apparat so fixiert, dass von „Weltmacht“ nur noch Restgeräusch bleibt. Genau das meinte US-Außenminister Rubio, als er sagte, Russland sei „zu beschäftigt“, um wegen Venezuela irgendetwas zu tun. Das war kein Seitenhieb. Das war ein Totenschein.
Während amerikanische Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten aus dem Bett holen, steht Moskau daneben und fuchtelt mit Pressemitteilungen. „Internationales Piratentum“, „Verletzung der Souveränität“. Russland redet über Souveränität – das ist wie ein Brandstifter, der sich über Funkenflug beschwert. Die Welt lacht nicht. Sie zuckt mit den Schultern.
Interessant wird es, wenn man die letzten Jahre zusammenzählt. Russland wurde nicht überall militärisch vertrieben. Das wäre fast ehrenvoll. Russland wurde ignoriert. Armenien dreht sich weg. Aserbaidschan macht, was es will. Syrien ist ein Museum, die russischen Soldaten darin Dekoration. Und Venezuela, der angebliche Kronjuwel-Außenposten, fällt in dreißig Minuten auseinander. Zwanzig Jahre Kredite, Waffen, Berater, Wagner-Truppen – verdampft, bevor jemand das Licht ausschaltet. Russland hat jahrzehntelang Einfluss gekauft und nennt das bis heute „Partnerschaft“. Die Realität nennt es ein Mietverhältnis ohne Vertragsverlängerung.
Die Propaganda hielt wie immer große Reden. Russische Abgeordnete versprachen Amerikanern „Überraschungen“ und drohten mit Luftverteidigungen, die angeblich jeden angreifenden Jet vom Himmel reißen würden. S-300, Buk, mehrschichtige Abwehr – alles beeindruckend auf dem Papier. In der Realität fliegen amerikanische Hubschrauber einfach durch, als würden sie ein altes Bühnenbild zerschneiden, das schon beim Aufbau gewackelt hat. Kein Abschuss. Kein Funkspruch. Nicht einmal ein Warnschuss. Wer sich je gefragt hat, wie viel russische Militärtechnik wert ist, wenn niemand sie bedient: genau das.
Dabei war Venezuela kein Nebenschauplatz. Es war einer der teuersten Kreml-Fantasien: Milliardenkredite, Ölprojekte, Militärdeals, Wagner-Söldner, kubanische Geheimdienste, eine Präsidentengarde aus importierter Loyalität. Ein Angstsystem aus Leihpersonal. Und wie jedes System, das nur durch äußere Stützen hält, fällt es beim ersten echten Druck. Nicht, weil Amerika unbesiegbar wäre, sondern weil Russland nicht mehr glaubwürdig ist. Nicht als Partner. Nicht als Schutzmacht. Nicht einmal als Drohung. Ein Regime, das auf Angst gebaut ist, braucht jemanden, der diese Angst glaubhaft macht. Russland ist dazu nicht mehr in der Lage.
Der Kern liegt tiefer. Moderne Macht ist Mathematik, Software, Präzision. Russland hat davon so wenig, dass schon das Wort „modern“ wie Ironie wirkt. Die Sowjetunion hatte Ingenieure. Das heutige Russland hat Fernsehleute. Ein Staat, der seine Talente vertreibt und seine Armee mit Paraden statt Kompetenz füttert, bekommt Propagandavideos – aber keine Ergebnisse. Man kann keine Weltordnung formen, wenn der Werkzeugkasten leer ist.
Die Ukraine hat das sichtbar gemacht. Nicht weil sie global agiert hätte. Sondern weil sie Russland so umfassend bindet, dass das Kremlsystem keine freie Ressource mehr besitzt. Kein Personal. Kein Gerät. Keine operative Aufmerksamkeit. Alles, was früher in Libyen, Syrien, Armenien oder Venezuela herumgeschoben wurde, steckt jetzt im Donbass fest – physisch, politisch, psychologisch. Russland ist kein Akteur mehr. Es ist ein Objekt seiner eigenen Entscheidungen.
Venezuela zeigt das im Zeitraffer. Ein Staat, der sich jahrelang auf russische Unterstützung verlässt, merkt plötzlich, dass niemand kommt. Ein Apparat aus Geheimdiensten, Söldnern und Militärs kollabiert in Minuten. Nicht weil die USA besonders mächtig geworden wären, sondern weil Russland nichts mehr halten kann. Einfluss ist keine Frage von Symbolen. Einfluss ist die Fähigkeit, etwas zu verhindern. Russland kann nichts verhindern. Nicht einmal den eigenen Bedeutungsverlust.
Und das ist der eigentliche Wendepunkt: Russland verliert nicht, weil es besiegt wird. Russland verliert, weil niemand mehr auf Russland baut. Weil Loyalität, die man kaufen muss, nur solange existiert, wie der Geldgeber relevant wirkt. Belarus hält noch, weil niemand sonst Lukaschenko nimmt. Transnistrien rostet. Kuba wartet darauf, dass Moskau die Rechnung nicht bezahlen kann. Nordkorea weiß längst, dass Russland bald statt Geld Getreide schickt. Das ist kein Bündnissystem. Das ist eine Notgemeinschaft.
Russland erzählt sich selbst, es kämpfe um eine neue Weltordnung. In Wahrheit kämpft es darum, nicht weiter zu schrumpfen. Der russische Bär steckt nicht in einer Falle des Westens. Er steckt im eigenen Eisenrahmen, zusammengeschweißt aus Größenwahn, Korruption und Selbstüberschätzung. Und jetzt kommt er nicht mehr raus. Nicht weil ihn jemand festhält. Sondern weil er sich selbst eingesperrt hat.
Der Dreißig-Minuten-Krieg war kein amerikanischer Sieg.
Er war ein russisches Geständnis.
Ein unfreiwilliges.
Ein endgültiges.
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Quellen und Einordnung:
Der Text stützt sich auf die laufende Berichterstattung internationaler Nachrichtenagenturen (AP, Reuters, AFP), großer Medienhäuser (BBC, The Guardian, New York Times, Washington Post) sowie auf öffentlich zugängliche sicherheitspolitische Analysen und OSINT-Auswertungen zu Russlands Militärpräsenz, Krediten und Einflusszonen in Syrien, Armenien, Aserbaidschan und Venezuela.