Russland hat wieder einen seiner Anfälle. Kein Ziel, kein Konzept, nur dieses bekannte Zucken eines Staates, der nichts mehr steuern kann außer Sprengköpfe. Wohnblocks, Heizwerke, Bahnhöfe, Energiezentren – alles wird getroffen, nichts wird gewonnen. Wer hinsieht, erkennt sofort: Das ist keine Offensive. Das ist die Motorik eines Regimes, das vergessen hat, wozu es überhaupt noch kämpft.
Die Rhetorik vom historischen Sieg wirkt inzwischen wie ein Echo, das nur in Moskau selbst noch zu hören ist. Außen sieht jeder, was innen niemand aussprechen darf: Der große Traum ist verdampft, das imperiale Kostüm hängt wie ein viel zu großer Mantel an einem Körper, der längst erschöpft ist. Der Donbass-Fetzen, der übrig blieb, ist nicht die Vision, sondern das Material für eine Ausrede. Mehr nicht.
Die Bombardierungen haben keinen Zweck außer Lärm. Ein Staat, der seine eigene Ratlosigkeit übertönen will, erhöht einfach die Dezibelzahl. So klingt es, wenn ein System sich selbst motiviert, weil die Realität nicht mehr mitspielt. Kein strategischer Druck, keine operative Logik – nur das Bedürfnis, irgendetwas in die Luft zu jagen, damit niemand merkt, wie leer der Werkzeugkasten geworden ist.
Dass die Ukraine nicht zusammengebrochen ist, trifft das Regime an seiner empfindlichsten Stelle: der Selbsttäuschung. Russland glaubte, der Krieg werde die Ukraine zwingen, sich zu fügen. Stattdessen zwingt er Russland, sich zu zeigen. Nicht als Großmacht, sondern als Organismus, der seit Jahren von innen fault und seine Außenpolitik als Deodorant benutzt.
Die Zeit ist der härteste Gegner, den Moskau je hatte. Nicht feindlich, nur konsequent. Ressourcen schwinden, Personal verschleißt, Produktionsketten reißen, und jeder Versuch, es zu kaschieren, wirkt wie ein Notfall-Kosmetikprogramm für ein System, das schon längst nicht mehr transportfähig ist. Die Stabilität, die das Regime vorgibt, basiert inzwischen auf einem einzigen Prinzip: Niemand darf sagen, dass sie nicht existiert.
Die Führung kennt die Lage nicht, weil sie sie nicht kennen kann. Wer Kritik bestraft, erzeugt Wahrheit nach Vorschrift. Damit wird Information zum Dekoartikel. Der Staat liest über sich selbst eine Fanfiction, die er für Realität hält. Und wenn das System an einer Überraschung scheitert, ist es nicht die Überraschung, die schuld ist – sondern die Architektur, die Überraschungen produziert.
Das Muster ist alt. Die Besatzer, die 1944 Elektrizität zerstörten, handelten nicht aus militärischem Zwang, sondern aus Reflex: Wenn man nicht herrschen kann, soll niemand normal leben. Dieselbe Logik sieht man heute in jeder zerstörten Trafostation. Die Moderne hat sich geändert, Russland nicht. Das ist der eigentliche Stillstand.
Es gibt Momente, in denen die ganze Struktur im Sekundenbruch sichtbar wird. Ein Vater in Saporischschja kniet über seinem getöteten Sohn, die Verlobte daneben. Kein strategisches Ziel, keine militärische Verschiebung, nur ein Einschlag, der zeigt, was dieser Krieg wirklich ist: eine Methode, das eigene Scheitern zu betäuben, indem man andere leiden lässt.
Historiker werden später einen Strich ziehen wollen. Und sie werden feststellen, dass da nichts steht, was Bestand hätte. Keine Reform, kein Projekt, keine Linie, keine Entwicklung. Nur ein Staat, der die Gewalt als Prothese benutzt, weil der Rest des Körpers nicht mehr funktioniert. Das ist keine Epoche, das ist eine Zwischenablage voller beschädigter Dateien.
Innen ist die Farce schon weiter. Funktionäre führen Rituale auf, die nicht mal mehr als Theater durchgehen. Ideologie läuft wie ein Screensaver, der verhindert, dass jemand bemerkt, dass der Rechner längst abgestürzt ist. Parteien existieren als Liturgie, nicht als politische Akteure. Ein Staat, der Größe behauptet und gleichzeitig seine Funktionslogik verkleinert, ist kein Rätsel. Er ist nur schlecht beleuchtet.
Die Gewalt hat längst kein Zentrum mehr. Sie sickert nach unten, in Alltag, Schulen, Straßen, Ämter. Nicht als Explosion, sondern als Grundton. Eine Gesellschaft im Abrieb erkennt man daran, dass niemand mehr merkt, wie viel schon abgefallen ist. Russland ist nicht im Einsturz. Einsturz wäre zu geordnet. Russland ist im schleichenden Verlust seiner eigenen Strukturen. Und das ist nachhaltiger als jede Niederlage.
Das Regime spielt weiter Härte, weil es keine andere Rolle gelernt hat. Außen martialische Floskeln, innen Bürokratie im Endstadium. Außen historische Größe, innen Papierstapel, die niemand mehr sortiert. Außen Allmacht, innen Systemfehler in Dauerschleife. Der Widerspruch ist keiner. Der Widerspruch ist das System.
Der Countdown läuft. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern mechanisch. Und das einzige Land, das ihn nicht hört, ist das, für das er geschrieben wurde.
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Quellen und Einordnung:
OSINT-Daten zu russischen Angriffen auf zivile Energie- und Wohninfrastruktur, westliche Militäranalysen zur geringen operativen Wirkung dieser Schläge, Berichte über strukturelle Engpässe der russischen Armee (Personal, Logistik, Industrie), internationale Dokumentation ziviler Opfer in Saporischschja sowie historische Aufzeichnungen zur Zerstörung von Infrastruktur in Kiew 1944.

